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Vorne lernt es sich leichter

Bildquelle: Studie (siehe Text)

 In einem innovativen Studiendesign haben Forscher des Arbeitsbereichs Schulpsychologie der Universität Tübingen untersucht, wie sich der Sitzplatz im Klassenraum auf die Lernleistung von SchülerInnen auswirkt. Konkret sind sie u.a. der Frage nachgegangen, ob sich die Lernleistung der Kinder unterscheidet, wenn sie entweder vorne, also in der Nähe der Lehrperson, oder in der hintersten Reihe der Klasse sitzen. Zudem hat man untersucht, inwiefern sich insbesondere die Lernleistung von Kindern mit ADHS-Symptomen über den Sitzplatz beeinflussen lässt. An der Studie nahmen insgesamt 81 SchülerInnen der 5. und 6. Klasse teil, wobei 75 SchülerInnen den gymnasialen Bildungsgang besuchten. Bevor das Experiment startete, füllten die Eltern der teilnehmenden SchülerInnen einen Fragebogen zur Erfassung der Aufmerksamkeit und des Verhaltens aus. Die Eltern sollten einschätzen, ob und wie viele ADHS-Symptome bei den Kindern vorliegen.

Alle Kinder nahmen dann mit VR-Brillen an einer virtuellen Mathestunde teil. Die Sitzplätze im virtuellen Klassenraum waren U-förmig angeordnet, und die TeilnehmerInnen bekamen per Zufall einen Sitzplatz in der ersten oder hintersten Reihe zugewiesen. Thema des virtuellen Unterrichts war eine mathematische Aufgabenstellung, die allen teilnehmenden SchülerInnen bis dato unbekannt war. Die virtuelle Lehrperson vermittelte den SchülerInnen, wie sie die Aufgabe lösen können. Im Anschluss an die virtuelle Mathestunde sollten die SchülerInnen in einem Test unter Beweis stellen, wie gut sie im Unterricht ausgepasst hatten und die Aufgabe lösen können.  

Im Ergebnis der Studie zeigte sich, dass SchülerInnen bei der Lösung mathematischer Aufgaben besser abschnitten, wenn sie den Unterricht auf einem Sitzplatz in der Nähe der Lehrperson verfolgt hatten. SchülerInnen, die in der hintersten Reihe gesessen hatten, erzielten demnach eine signifikant schlechtere Lernleistung. Darüber hinaus wurde deutlich, dass Kinder bei der Lösung der mathematischen Aufgabe umso schlechter abschnitten, je mehr ADHS-Symptome von den Eltern angegeben wurden. Die Lernleistung hing demzufolge auch von Aufmerksamkeits- und Konzentrationsproblemen der Kindern ab, wobei weniger ADHS-Symptome mit besseren Lernleistungen zusammenhingen. Außerdem wurde erwartet, dass SchülerInnen mit mehreren ADHS-Symptomen stärker von einem Sitzplatz in der vordersten Reihe profitieren würden, als Kinder mit weniger ADHS-Symptomen. Diese Hypothese der StudienautorInnen konnte nicht bestätigt werden, da alle Kinder in ähnlicher Weise von einem Sitzplatz in der Nähe der Lehrperson profitierten, und die ADHS-Symptomatik in diesem Sinne keine Rolle spielte.  

Aus der Studie lässt sich für die Praxis ableiten, dass es für Kinder mit Problemen bei der Selbstregulation nicht ausreicht, wenn sie einen Sitzplatz vorne bei der Lehrperson bekommen. Hier sind zusätzliche Maßnahmen erforderlich, um den Kindern dabei zu helfen, ihre Aufmerksamkeit auf den Unterricht bzw. einen Lerninhalt zu fokussieren. Zu nennen sind hier z.B. klare Regeln, Verstärkerprogramme oder direktere Formen der Ansprache.    

Zusammenfassung: Schulpsychologe Philipp Deing 

Originalstudie: Blume, F., Göllner, R., Möller, K., Dresler, T., Ehlis, A.-C., & Gawrilow, C. (2018). Do students learn better when seated close to the teacher? A virtual classroom study considering individual levels of inattention and hyperactivity-impulsivity. Learning and Instruction. doi:10.1016/j.learninstruc.2018.10.004

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