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Unerwünschte Einflussfaktoren auf Schulnoten

Schulnoten sind für Eltern und Schulkinder von immenser Bedeutung. Sie sind richtungsweisend in der Frage, welche weiterführenden Schulen die Kinder nach der vierten Klasse besuchen können, sie entscheiden über die Versetzung in die nächsthöhere Klassenstufe und sie beeinflussen maßgeblich, welche berufliche Laufbahn die SchülerInnen nach der Schule anstreben können. Aus diesem hohen Stellenwert von Schulnoten resultiert der berechtigte Wunsch von Eltern und Schulkindern, dass Schulnoten auch wirklich das abbilden, was sie abbilden sollen: In Schulnoten bringen Lehrpersonen zum Ausdruck, wie sie die schulischen Leistungen ihrer SchülerInnen bewerten.

Schulische Leistungsbewertungen erfüllen einerseits eine Rückmeldefunktion für Schülerinnen und Schüler, dienen aber gleichzeitig auch den Lehrpersonen zur weiteren Unterrichtsplanung, um den Lernerfolg der SchülerInnen sicherzustellen bzw. zu optimieren. Insofern stellt die Fähigkeit zur akkuraten Einschätzung von Schülerleistungen eine Schlüsselkompetenz von Lehrpersonen dar, die von großer Tragweite für eine Reihe pädagogischer Entscheidungen ist.

In einer Studie von Psychologen der Universitäten aus Kiel und Frankfurt am Main1 ist man der Frage nachgegangen, wie gut es Lehrpersonen tatsächlich gelingt, die Leistungen von SchülerInnen zu beurteilen. Die AutorInnen der Studie gehen davon aus, dass für eine exakte Bestimmung der SchülerInnenleistung nur sogenannte urteilsrelevante Informationen berücksichtigt werden dürfen. Konkret sind damit die schriftlichen und mündlichen Leistungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums, z.B. in einem Schulhalbjahr, gemeint. Urteilsirrelevante Informationen wären dementsprechend z.B. das äußere Erscheinungsbild (Attraktivität) oder die soziale Herkunft der SchülerInnen.

An der Studie nahmen insgesamt 251 Lehrpersonen am Ende ihres ersten Jahres im Vorbereitungsdienst teil. Die Aufgabe der Lehrpersonen bestand darin, den SchülerInnen einer virtuellen Klasse eine Schulnote im Fach Mathematik zu geben. Zur Erfüllung dieser Aufgabe konnten sie über einen Computerbildschirm auf verschiedene Informationen zu allen SchülerInnen der virtuellen Klasse zugreifen. Allerdings hatten nicht alle Lehrpersonen Zugriff auf dieselben Informationen. Die eine Hälfte der Lehrpersonen (Kontrollgruppe) konnte lediglich auf urteilsrelevante Informationen zugreifen (Ergebnisse einer Mathematikarbeit, mündliche Beteiligung im Mathematikunterricht). Die andere Hälfte der Lehrpersonen (Experimentalgruppe) bekam darüber hinaus auch noch urteilsirrelevante Informationen präsentiert (Intelligenz, Deutschleistung und familiärer Hintergrund der SchülerInnen). Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich die urteilsirrelevanten Informationen, die den Lehrpersonen in der Experimentalgruppe zur Verfügung standen, negativ auf deren Urteilsgenauigkeit auswirkten. Die Mathematiknoten wurden also durch Informationen zur Deutschleistung und zur Intelligenz der SchülerInnen verzerrt. Eine hohe Intelligenz und eine gute Deutschleistung gingen mit besseren Mathematiknoten einher. Die soziale Herkunft der SchülerInnen wurde hingegen nicht in die Bewertung der Mathematikleistung einbezogen. Eine mögliche Erklärung hierfür sehen die AutorInnen in der zunehmenden Sensibilität von Lehrpersonen, die nach den PISA-Ergebnissen und der entsprechenden Berichterstattung stärker darauf achten, den sozialen Hintergrund bei der Benotung auszuklammern. Ein weiteres Ergebnis der Studie zeigt, dass Mädchen insgesamt etwas besser abschnitten als Jungen, was laut den Autoren „die allgemeine Bevorteilung von Mädchen bei der Notenvergabe“ widerspiegeln könnte.

In einem abschließenden Fazit zur Studie muss man natürlich feststellen, dass es sich bei dem virtuellen Klassenzimmer um ein künstlich hergestelltes Abbild der Wirklichkeit gehandelt hat, das nur entfernt mit der tagtäglichen Realität der Lehrtätigkeit übereinstimmt. Es ist aber dennoch bemerkenswert, dass selbst eine sehr reduzierte Vorgabe von urteilsrelevanten und urteilsirrelevanten Informationen zu Verzerrungen bei der Leistungsbeurteilung von Schülerinnen und Schülern durch Lehrpersonen kommen kann.

Zusammenfassung der Studie: Schulpsychologe Philipp Deing

1) Kaiser, J., Möller, J., Helm, F., & Kunter, M. (2015). Das Schülerinventar: Welche Schülermerkmale die Leistungsurteile von Lehrkräften beeinflussen. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 18, 279-302.

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