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Studie zu "Bullying"

Foto Pixelio

Unterschiedliche Rollen beim Bullying (Mobbing)

Wenn Schulklassen Einzelne schikanieren

Wird ein einzelner Schüler immer wieder von MitschülerInnen beleidigt, körperlich angegriffen oder lächerlich gemacht, so spricht man umgangssprachlich von Mobbing. In der psychologischen Forschung ist das englische Wort „Bullying“ gebräuchlicher. Es handelt sich dabei um Gewalt gegen Einzelne, die stark mit Gruppendynamiken zusammenhängt und nur durch die Beteiligung Vieler aufrechterhalten werden kann. Da sie immer in einem ungleichen Machtverhältnis stattfindet, sind die Opfer auf Hilfe von Lehrkräften angewiesen. Unterstützung der Schulen bei Bullying ist eine wichtige Beratungsleistung der Schulpsychologie. Um Bullying zu stoppen, ist es zunächst wichtig, zu verstehen, wie es eigentlich entsteht.

Eine empirische Studie1 hat dazu weitere Erkenntnisse erbracht. In der Studie ging es speziell um die Situation in Deutschland: Wie viele Kinder sind hier Opfer von Bullying? Wie viele sind aktiv am Schikanieren beteiligt, und welche unterschiedlichen Rollen werden dabei eingenommen? Und gibt es Charakteristika, die ein Opfer oder einen Täter typischerweise auszeichnen? Um diese Fragen zu beantworten, befragten die WissenschaftlerInnen 5083 deutsche Schülerinnen und Schüler aus 198 Klassen der  Stufen sechs bis neun. Im Gegensatz zu den meisten Studien zu Bullying sollten die Teilnehmenden nicht berichten, welche Rolle sie selbst in Bullying-Dynamiken einnehmen (Methode der Selbstbeschreibung), sondern anonym angeben, welche Kinder/Jugendlichen aus ihrer Klasse ihrer Meinung nach mit Bullying zu tun haben (Methode der Peer-Nominierung). Außerdem sollten sie entscheiden, welche Rolle diese  dabei einnehmen.

Die möglichen Rollen wurden einer bekannten Theorie, dem Participant-Role-Ansatz, entnommen. Der Ansatz geht davon aus, dass es beim Bullying nicht nur Täter und Opfer gibt, sondern auch „Assistenten“, die die Täter unterstützen, „Verstärker“, die als Publikum die Stimmung weiter anheizen und „Außenstehende“, die so tun, als würden sie nichts bemerken. Lediglich die Gruppe der „Verteidiger“ versucht das Opfer zu schützen. Zusätzlich zur Befragung wurden Daten über die Klassenmitglieder erhoben: die letzten  Zeugnisnoten, ihre Beliebtheit in der Klasse und demografische Angaben wie Alter und Geschlecht. Es wurde überprüft, ob eine Korrelation (ein statistischer Zusammenhang) besteht zwischen diesen Faktoren und den Rollen der Lernenden beim Bullying.

Laut der Studie ist Bullying ein weit verbreitetes Phänomen, das von fast jeder Klasse berichtet wurde. Mehr als der Hälfte der Schülerinnen und Schüler (57,5 %) konnte eine Rolle in Bullying-Vorgängen zugeordnet werden. Dabei erwiesen sich die Pro-Bullying-Rollen (Täter, Assistenten, Verstärker) mit knapp 20 % insgesamt als die verbreitetsten. Jeweils ca. 10 % der Lernenden waren Opfer, Verteidiger oder Außenstehende. Laut den Daten bestand das am häufigsten beschriebene Szenario aus zwei Opfern pro Klasse und fünf Schülerinnen und Schülern, die aktiv am Schikanieren beteiligt sind.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie ist der erkannte Zusammenhang zwischen Bullying-Rollen und bestimmten demografischen Faktoren. In den 6. Klassen fand insgesamt mehr Bullying statt als in den 9. Klassen. Dies wird damit erklärt, dass Bullying zur Aushandlung der Hierarchie einer Schulklasse fungiert und etwas zurückgeht, sobald die Hierarchie geklärt ist.

Neben dem Alter spielt auch das Geschlecht eine Rolle: Bei den Opfern ließen sich zwar keine signifikanten Geschlechterunterschiede ausmachen, aber die Pro-Bullying Gruppe bestand mehrheitlich (72.9 %) aus Jungen, die Gruppe der Verteidiger eher aus Mädchen (73.9 %). Da dieser Effekt auch in der 6. Klasse schon auftrat, vermuten die ForscherInnen, dass das Verhalten der Lernenden von Geschlechterstereotypen beeinflusst ist. 

Auch zwischen schulischer Leistung und sozialer Rolle ließen sich Zusammenhänge finden. Die an Bullying beteiligten Kinder und Jugendlichen hatten die schlechtesten Zeugnisnoten, die Verteidiger dagegen die besten. Die Leistungsstärke der Opfer lag im mittleren Bereich. Inwiefern die schulische Leistung die sozialen Rollen bedingt oder umgekehrt, kann aus der Korrelation nicht geschlossen werden.

Die sozialen Rollen sind mit jeweils unterschiedlich großer Beliebtheit verknüpft. Die Opfer waren mit Abstand die unbeliebtesten in ihrer Klasse. Am positivsten wurden die Verteidiger bewertet. Bei den Tätern, Assistenten und Verstärkern fanden sich kontroverse Statusprofile: diese Kinder und Jugendlichen bekamen von ihren MitschülerInnen sowohl viele positive als auch negative Beliebtheitswerte, sie polarisieren also. Weitere Studien müssen die Kausalität zwischen Beliebtheit und sozialer Rolle klären.

Aus den Studienergebnissen lassen sich verschiedene Schlussfolgerungen für die Schulpraxis ableiten. Besonders wichtig erscheint die Präventionsarbeit. Dabei geht es vorwiegend darum, die vielen unbeteiligten Zeugen zur Verantwortungsübernahme zu mobilisieren und aufkeimende Bullying-Dynamiken frühzeitig zu durchbrechen. Da die Verteidiger-Rolle bisher überwiegend von Mädchen eingenommen wird, besteht eine weitere Handlungsmöglichkeit darin, zusätzlich mehr Jungen zum Eingreifen zu motivieren.

Nicht zuletzt erfordert die hohe Zahl an Bullying-Fällen eine stärkere Vermittlung von Werten in der Schule: alle Menschen verdienen es, mit Respekt behandelt zu werden – ohne Ausnahme.

Zusammenfassung: Psychologiestudentin Sonja Lewin (Praktikantin in der Regionalen Schulberatungsstelle) 

1) Knauf, R.-K., Eschenbeck, H. & Käser, U. (2017). Bullying im Klassenverband. Prävalenz, soziometrische und leistungsbezogene Merkmale der Participant Roles. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie 49 (4), S. 186-196.  

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