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Studie: Wahrnehmung von Unterricht

Schulpsychologin Kristina Timm bei einer Unterrichtsbeobachtung

Wahrnehmung von Unterricht aus verschiedenen Perspektiven

Im Rahmen der schulpsychologischen Beratung kann es für Schulpsychologen1 aus verschiedenen Gründen sinnvoll sein, eine Unterrichtsbeobachtung durchzuführen. Die Schulpsychologen nehmen bei einer solchen Unterrichtsbeobachtung als stille Zuschauer am Unterricht teil, um sich z.B. einen Eindruck vom Klassenklima zu machen, oder um Hypothesen zum Verhalten eines Schülers zu entwickeln und zu testen.

Eine Unterrichtsbeobachtung kann für den Beratungsprozess auch deshalb sinnvoll sein, weil der Schulpsychologe das Unterrichtsgeschehen aufgrund seiner besonderen Rolle anders wahrnehmen kann, als es der Lehrkraft möglich ist. Die Lehrkraft ist während des Unterrichts mit vielfältigen Anforderungen konfrontiert (z.B. hohe soziale Dichte, unstrukturierte und dynamische Situationen) und muss gleichzeitig sowohl die Unterrichtsinhalte, als auch die Regeleinhaltung aller Schüler im Blick haben.

In einer empirischen Studie der Pädagogischen Hochschule Bern2 ist man nun der Frage nachgegangen, inwiefern die Wahrnehmung von Lehrkräften, von Schülerinnen und Schülern sowie von einer außenstehenden und geschulten Beobachterin übereinstimmen. Der Fokus der Studie lag dabei auf der Wahrnehmung von Unterrichtsstörungen, der Wahrnehmung der Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler, sowie auf der Wahrnehmung der Klassenführung durch die Lehrkraft. Es sollten also die drei verschiedenen Perspektiven (Schüler, Lehrer, Beobachter) auf ein und denselben Unterricht miteinander verglichen und auf ihre Übereinstimmung hin überprüft werden. Die dazu verwendeten Fragebögen enthielten beispielsweise Fragen wie „In meinem Unterricht gibt es viele Störungen“ (Lehrerversion) oder „Im Unterricht dieser Lehrperson gibt es viele Störungen“ (Schülerversion).

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Einschätzungen der Schüler wesentlich besser mit den Einschätzungen der externen Beobachterin übereinstimmen, als mit den Einschätzungen der Lehrkräfte. Selbst im Falle von Merkmalen, die einigen Spielraum für Interpretationen lassen (z.B. die Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler), zeigt sich ein relativ hoher Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung der Schüler und der Wahrnehmung der Beobachterin.

Die Autoren der Studie sehen einen möglichen Grund für dieses Ergebnis in einem Beobachtungsvorteil von Schülern und Beobachterin: beide können den Unterricht aus einer weitgehend handlungsentlasteten Perspektive verfolgen, und haben demnach mehr kognitive Kapazitäten für die Beobachtung des Unterrichtsgeschehens zur Verfügung, als dies bei den unterrichtenden Lehrkräften der Fall ist.

Die Auswertung der Studie zeigte weiterhin, dass sich Klassenlehrer und Fachlehrer in ihrer Wahrnehmung unterscheiden. Die Einschätzungen der Klassenlehrer stimmten am wenigsten mit den Einschätzungen der Beobachterin überein (mittlere Korrelation von .10). Die Fachlehrer hingegen lagen mit ihrer Wahrnehmung im Schnitt deutlich näher bei der Beobachterin (mittlere Korrelation von .40). Eine mögliche Erklärung für die objektivere Einschätzung der Fachlehrer sehen die Studienautoren in der Art und Weise, wie die Schüler den Unterricht bei den jeweiligen Lehrkräften stören. Während die Autoren von den Schülern im Unterricht der Klassenlehrer eher subtiles Störverhalten erwarten, dass sich durch passives und indirektes Vorgehen auszeichnet, gehen sie davon aus, dass das problematische Schülerverhalten im Unterricht der Fachlehrer offener und weniger verdeckt zu Tage tritt. Somit sollte Störverhalten von den Fachlehrern leichter und besser zu erkennen sein.

In ihrem Fazit kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Ergebnisse der Studie „die Validität von Lehrerurteilen zu ihrem eigenen Unterricht grundsätzlich“ infrage stellen. Sie empfehlen deshalb, Lehrkräfte für auftretende Störungen im Unterricht stärker zu sensibilisieren, und diese darin anzuleiten, häufiger die Perspektive ihrer Schüler einzunehmen.

Zusammenfassung: Schulpsychologe Philipp Deing

1 Aus Gründen der Lesbarkeit wird das generische Maskulinum verwendet. Selbstverständlich sind immer beide Geschlechter damit angesprochen.

2 Wettstein, A., Scherzinger, M. & Ramseier, E. (2018). Unterrichtsstörungen, Beziehung und Klassenführung aus Lehrer-, Schüler- und Beobachterperspektive. Psychologie in Erziehung und Unterricht 65, S. 58-74.

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