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Sehr geehrte SchulleiterInnen, LehrerInnen, liebe Beratungslehrkräfte,

nach über 30 Jahren beende ich meine Tätigkeit als Schulpsychologe im Kreis Borken und gehe zum 1.5.2021 in den Ruhestand. Mein persönlicher Rückblick auf diese Arbeit ist von gemischten Gefühlen begleitet.

Franz Weinert schrieb 1980: "Ohne die Verankerung innerhalb einer perspektivenreichen Bildungsgesamtreform erscheint aber vielen Theoretikern und Praktikern Schulpsychologie als ein unbefriedigendes Kurieren an Symptomen, als karitativ wirkende Ambulanz hinter einer „Bildungsfront", durch die allzu viele Schüler (und Lehrer) verletzt, geschädigt und verunsichert werden. Mir scheint, daß eine solche rein negative Bewertung der heutigen schulpsychologischen Arbeit zu einseitig ist. Richtig dürfte daran die stillschweigende Forderung sein, daß strukturelle Mängel des Bildungssystems nicht auf die Individualebene verlagert und dort durch Beratung, gelöst' werden dürfen und daß deshalb institutionalisierte Formen der Rückkoppelung verallgemeinbarer schulpsychologischer Erfahrungen erforderlich sind, um zu strukturellen Verbesserungen des Bildungswesens zu gelangen (Systemberatung)."

Mit positiven Gefühlen verbinde ich, dass ich meine Arbeit von Beginn an als „systemisch“ ausgerichtete Schulpsychologie gestalten durfte. Highlights waren:

  • Ausrichtung der Individualberatung als systemische Beratung von Lehrkräften, Eltern und SchülerInnen
  • Flächendeckende Qualifizierung von Beratungslehrkräften
  • Zahlreiche schulinterne Fortbildungen zu pädagogisch-psychologischen Themen
  • Etablierung von Kollegialer Fallberatung / Supervision
  • Schulleitungscoachings / Fortbildung von Schulleitungen zu Coaches
  • Schulung von Schulleitungen, Beratungslehrkräften und Sonderpädagogen in systemischer Gesprächsführung und Beratung
  • Fortbildung und Begleitung schulischer Teams für Beratung, Gewaltprävention und Krisenintervention
  • Frühzeitige Schulung und Begleitung schulischer Krisenteams
  • Einrichtung des Lenkungskreises schulische Krisen als Kooperation von Kreispolizei, Schulaufsicht & Schulpsychologie.

Die Schulpsychologie gehört wahrscheinlich zu den vielseitigsten Tätigkeiten, die ein Psychologe ausüben kann, auch wenn diese herausfordernd ist, wie Weinert feststellt: „Soll er in erster Linie Sachwalter des Kindes, Berater der Eltern, Vertrauter des Lehrers, Funktionär der Schulverwaltung, Vertreter der wissenschaftlichen Psychologie oder alles zugleich sein? Welche Rolle spielt bei der Lösung von Konflikten derjenige, der sich mit einem Problem vertrauensvoll an ihn wendet? Wie soll er sich verhalten, wenn sich Eltern über Lehrer, Lehrer über Schüler und Schüler über ihre Erzieher beklagen? Ist es wirklich so, daß jemand danach unglücklich sein wird, was immer Schulpsychologen tun?"

Ich habe immer sehr gerne in diesem Spannungsfeld gearbeitet und versucht kooperativ mit den Beteiligten tragfähige Lösungen für Schulprobleme zu kreieren. Zuständig für alle Schulformen beraten SchulpsychologInnen vom Erstklässler bis zur Oberen Schulaufsicht alle Beteiligten – das ermöglicht einen umfassenden Einblick in das Schulsystem. Ich persönlich durfte zudem auch über einen kurzen Zeitraum die Binnenperspektive eines Bildungsministeriums erleben.

Mit Sorge beobachte ich, dass in den letzten Jahren der „Druck im Kessel“ enorm zugenommen hat und tatsächlich „allzu viele Schüler (und Lehrer) verletzt, geschädigt und verunsichert werden“. In deprimierter Stimmung schrieb ich 2009: „Entgegen moderner Rhetorik von „Lösungs-„ und „entwicklungsorientierter“ Schulpsychologie sind SchulpsychologInnen nach wie vor in erster Linie damit beschäftigt, die Kollateralschäden des Systems aufzufangen. Anders ausgedrückt: die Schulpsychologie in Deutschland ist zu oft eine Art Feldlazarett, in dem mangels Ressourcen - und weil das System solche Lösungen bevorzugt - vornehmlich Amputationen vorgenommen werden:

  • Bei der „Schullaufbahnberatung“ begleiten wir die „Fehlplazierten“ beim Abstieg
  • Bei der „Förderdiagnostik“ begleiten wir Schulversager in die Sonderschulen
  • Bei Mobbing-Interventionen begleiten wir die Opfer in die Parallelklasse oder beim Schulwechsel.
  • Ausgebrannte Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer begleiten wir in die Frühpensionierung.“

Eine „perspektivenreiche Bildungsgesamtreform“ habe ich nicht erleben dürfen. Alle „Reformen“ nach PISA erscheinen als „Mehr-Desselben“ (Watzlawick). Es sind Lösungen 1. Ordnung: Löse ein Problem so, dass alles beim Alten bleiben kann. Somit bleibt das Schulsystem ein Konstrukt des Industriezeitalters in dem die Allokationsfunktion stark fokussiert wird und dem es an Entwicklungsorientierung mangelt.

Aus meinen „verallgemeinbaren schulpsychologischen Erfahrungen“, resultiert daher folgender Traum von Lösungen 2. Ordnung: Etwas ganz ander(e)s machen!

  • Weitreichende Verschlankung der Schulbürokratie,
  • 100%ige Selbständigkeit der Schulen mit Budget-, Personal- und Ergebnisverantwortung, damit verbunden die Aufhebung der Trennung von „inneren“ und „äußeren“ Schulangelegenheiten,
  • Investitionen in neue Schulgebäude, Gestaltung der Schule als „Campus“ bzw. „hybrides System“,
  • Umfassende Reform der LehrerInnenausbildung u.a. mit Auswahlverfahren vor dem Studium und Fokus auf Pädagogik und Entwicklungspsychologie,
  • Reform von Arbeitszeiten / Arbeitsort der Lehrkräfte / Besoldung,
  • Umfassende Unterstützung der Lehrkräfte durch Fobi, Supervision, Beratung,
  • Eine inklusive Schule für Alle bis Klasse 9, danach gymnasiale oder berufliche Bildung,
  • Keine Noten, keine Versetzungen, stattdessen Feedback über Portfolios,
  • Entschlackung der Lehrpläne, Orientierung an individuellen Curricula,
  • Systematische individuelle Förderung über die gesamte Schullaufbahn.

Kurz: Die Schaffung von entwicklungs- und leistungsorientierten „Treibhäusern der Zukunft“ (R. Kahl), in denen sich alle wohlfühlen (das ist kein Widerspruch!), die kompetente und motivierte SchülerInnen hervorbringen und in denen Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler das Ende der Ferien nicht erwarten können.

Ich weiß, dass viele Lehrkräfte, SchülerInnen und Eltern diese Vorstellung teilen und wünsche Ihnen daher von Herzen, dass Sie große Änderungen in diese Richtung erleben werden und bis dahin kleine Änderungen in Ihrem Schulalltag realisieren können.

Machen sie es gut!

Michael Sylla

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