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Schulstart: Interview mit Schulpsychologen

Die Borkener Zeitung führte ein Interview mit dem Schulpsychologen Philipp Deing zum Thema Schulstart in der Grundschule  

BZ: Was können Eltern und Großeltern tun, damit die Grundschulkinder mit Spaß in die Schulzeit starten können?  

Eltern müssen in der Regel gar nichts Besonderes dafür tun, denn alle Kinder haben ein ganz natürliches Interesse daran, etwas zu lernen und freuen sich darauf, bald wie die Großen lesen und schreiben zu können. Von den Erwachsenen (Eltern, Großeltern, LehrerInnen) ist eher gefordert, diese ursprüngliche Lernmotivation aufrechtzuhalten.

BZ: Und wie macht man das?

Zum Schulstart sollten Erwachsene den Kindern grundsätzlich ein positives Gefühl vermitteln, wenn es um den Schulbesuch geht. Allerdings sollten keine unrealistischen Erwartungen geweckt werden, die am Ende nicht haltbar sind. Die Einschulung ist zwar ein besonders wichtiger Schritt im Leben der Kinder, den Kindern darf aber deutlich werden, dass dieser Schritt auch etwas ganz selbstverständliches ist. Auch sollten die Erwachsenen ihre eigenen Erwartungen an den Schulstart der Kinder reflektieren. Sie sollten sich mit den Fähigkeiten des eigenen Kindes auseinandersetzen und versuchen, realistische Erwartungen an die Lernleistung zu entwickeln. Gerade in dieser Altersphase sind Unterschiede im Lerntempo zwischen den Kindern oft noch sehr groß. Frühe Vergleiche mit den Mitschülern sind also nur wenig zielführend. 

BZ: Beim Schulstart spielt der Kommerz mittlerweile eine große Rolle. Wie viel davon ist ok, ab wann wird's aus Ihrer Sicht zu viel?  

Ja, das kann man inzwischen tatsächlich als Problem bezeichnen. Vor fünf Jahren lagen die Kosten für eine Einschulung im Schnitt schon bei 238 Euro. Heute dürften diese noch deutlich gestiegen sein. Aus meiner Sicht wird es an der Stelle zu viel, an der durch die ganzen materiellen Aspekte schon zu Schulbeginn die Ungleichheiten zwischen den Kindern betont, und damit das Konkurrenzdenken gefördert wird: Wer hat die schönste, beste und teuerste Ausstattung? Hier kommt es vor allem auf die Kommunikation der Eltern mit dem Kind an: Inwieweit wird die Ausstattungsfrage in der Familie vertieft behandelt? Wie wichtig ist uns der äußere Schein? Welches Bild vermitteln wir unserem Kind? All das entscheiden die Eltern selbst. Am Ende sollten die Eltern den Mut haben, ihre eigene Meinung zu vertreten und vielleicht auch den Aufwand wieder etwas zurückfahren.  

BZ: Wie viel Begleitung brauchen Grundschulkinder in den ersten Wochen, was sollten sie alleine bewältigen?  

Soviel wie nötig, so wenig wie möglich! Oder wie Maria Montessori sagte: „Hilf mir, es selbst zu tun!“ Eltern wollen es ihren Kindern oft leicht machen und neigen eher dazu, zu viele Hilfestellungen zu geben. Dabei wird übersehen, dass die Entwicklung der Kinder stärker gefördert wird, wenn sie Schwierigkeiten selber bewältigen, und nicht die Eltern alle Hürden beiseite räumen. Ein positiver Selbstwert resultiert vor allem auch aus der Erfahrung, den an mich gestellten Anforderungen gewachsen zu sein.

BZ: Das sieht in der Praxis wie aus?

Das Einüben des Schulwegs ist ok, und wird vielfach ja auch schon von der Polizei angeboten. Das Kind aber drei Jahre lang zur Schule zu begleiten, ist der Entwicklung nicht zuträglich. Und das gilt für viele weitere Anforderungen an die Schulkinder in gleichem Maße. Das Prinzip muss sein: Alles was ein Kind allein bewältigen kann, soll es auch allein erledigen. Die Eltern sollten dem Kind deutlich machen, dass es ihnen wichtig ist, dass das Kind eigenverantwortlich und selbstständig lernt, ohne es jedoch mit seinen Fragen alleine zu lassen. Die Eltern und Großeltern unterstützen das Kind  soweit, dass es die gestellte Aufgabe in Angriff nehmen kann, und versuchen dabei zunehmend den Grad der Selbständigkeit zu erhöhen. Die große Kunst ist auch hier, das richtige Maß zwischen Hilfestellungen und Zurückhaltung zu finden.  

Quelle: Borkener Zeitung 22.8.2018   

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