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Prävention von Schulabsentismus

Handreichung der RSB zum Thema

Unter dem Begriff „Schulabsentismus“ versteht man das (wiederholte) Fernbleiben von der Schule, das sich auf unterschiedliche Ursachen zurückführen lässt. Das chronische Fernbleiben von der Schule hat viele negative Konsequenzen und hängt nicht selten mit Jugenddelinquenz, Substanzmissbrauch und sozialer Ausgrenzung zusammen. Dementsprechend beschäftigen sich WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen vieler europäischer und nordamerikanischer Länder mit der Frage, wie man Schulabsentismus präventiv und interventiv begegnen kann.

Ein Blick in die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema weist auf eine Reihe verschiedener Risikofaktoren für Schulabsentismus hin. Zu diesen zählen u.a. das Geschlecht der SchülerInnen (Jungen zeigen in manchen Studien ein höheres Risiko), ein niedriger sozioökonomischer Status, alleinerziehende Elternteile, ethnische Minderheiten, ein niedriges Bildungsniveau der Eltern, Verhaltensauffälligkeiten der SchülerInnen, Konflikte mit MitschülerInnen und Lehrpersonen, schwache Schulleistungen und psychische Störungen der Eltern.

Auf der anderen Seite existieren auch Hinweise auf Faktoren, die sich im Hinblick auf einen regelmäßigen Schulbesuch günstig auswirken können. Als wichtiger Baustein ist hier insbesondere eine positive Beziehung zwischen den Eltern und der Schule zu nennen. Die Beteiligung und Einbindung der Eltern in schulische Angelegenheiten ist wichtig für die schulische Sozialisation des Kindes. Wenn Eltern ein aktives Interesse an den alltäglichen Lernaktivitäten und an der langfristigen Bildung des Kindes zeigen, können sie dem Fernbleiben des Kindes von der Schule und auch anderem Fehlverhalten vorbeugen.

Bestehende Programme zur Prävention von Schulabsentismus sind häufig für den Einsatz an der weiterführenden Schule konzipiert. Es setzt sich jedoch immer mehr die Erkenntnis durch, dass Prävention und Intervention im Idealfall bereits an der Grundschule einsetzen, da Probleme mit Schulabsentismus an der Grundschule ein wesentlicher Prädiktor für ein Fortbestehen der Problematik an der weiterführenden Schule sind. In einer u.s. amerikanischen Studie aus dem Jahr 2017 wurde die Wirksamkeit eines neuen Programms zur Prävention von Schulabsentismus an der Grundschule, dem Early Truancy Prevention Program (ETPP), untersucht1. Dieses Programm zielt darauf ab, die Lehrpersonen an Grundschulen darin zu stärken, konstruktiv mit den Eltern ihrer SchülerInnen zusammenzuarbeiten, da sowohl den Lehrpersonen als auch den Eltern eine zentrale Bedeutung für die Prävention und Intervention bei Schulabsentismus zugeschrieben wird. Die Autoren der Studie versprechen sich vom ETPP jedoch nicht nur eine Reduktion von Schulabsentismus, sondern erwarten darüber hinaus auch positive Auswirkungen auf die Schulleistungen der SchülerInnen und auf das allgemeine Klassenklima.    

 Das Early Truancy Prevention Program setzt sich aus fünf Komponenten zusammen:

1. Die Lehrpersonen besuchen alle SchülerInnen ihrer Klasse zu Hause, um Informationen über deren Lebensverhältnisse zu gewinnen, und eine positive Basis für eine tragfähige Beziehung aufzubauen. Selbst wenn es in der Literatur breiten Zuspruch für diese Maßnahme gibt, so ist sie an Schulen bislang dennoch wenig etabliert. Wenn es einmal zu „Hausbesuchen“ der Lehrpersonen bei ihren SchülerInnen kommt, dann geschieht dies in der Regel nicht präventiv, sondern als Reaktion auf vermehrte Fehlzeiten oder anderes Fehlverhalten. Dabei hat sich in einer Reihe von Studien erwiesen, dass sich Hausbesuche der Lehrpersonen bei Ihren SchülerInnen positiv auf die Beziehung zwischen den Lehrpersonen und den SchülerInnen auswirken. Auch hat sich gezeigt, dass es Lehrpersonen nach Hausbesuchen leichter fällt, eine positive Einstellung gegenüber den Familien zu entwickeln, und dass sie eine größere Bereitschaft verspüren, Kontakt zu Eltern aufzunehmen, die sich wenig für die Schule und die Bildung ihres Kindes engagieren.

2. Jede Lehrperson erhält ein Smartphone, mit dem sie auf unterschiedlichen Wegen regelmäßig Kontakt zu den Eltern halten kann (z.B. per E-Mail, SMS oder Sprachnachrichten), und über das sie mobil auf verschiedene Materialien zugreifen kann. Im ETPP werden Lehrpersonen an der Grundschule als „early responder“ gegenüber Anzeichen von Schulabsentismus betrachtet. Um diese Rolle erfolgreich auszufüllen, ist eine gute Beziehung zu den Eltern der SchülerInnen unabdingbar. Mit dem bereitgestellten Smartphone können die Eltern bequem kontaktiert werden, und auch die Eltern können ohne Umwege mit der Lehrperson kommunizieren.

3. Lückenlose Dokumentation von Fehlzeiten der SchülerInnen. Verschiedene Wissenschaftler heben die Bedeutung einer frühen Identifikation von Schulabsentismus und einer zeitnahen Intervention hervor.

4. Ein sogenanntes Online-Anwesenheits-Informationssystem, das Lehrpersonen darin anleitet, die größten Hürden für den Schulbesuch jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin zu erfassen, und das entsprechende Vorschläge für Interventionen zur Bewältigung dieser Hürden liefert.

5. Vernetzung und Beratung innerhalb des Schulpersonals und Austausch mit externen BeraterInnen (z.B. SozialarbeiterInnen).

Die Studie wurde an fünf Grundschulen in den USA durchgeführt, an denen die tägliche Abwesenheitsquote der SchülerInnen mit durchschnittlich 5% leicht über dem Landesdurchschnitt lag, und an denen die SchülerInnen vielfach aus Familien mit niedrigem Einkommen stammen. Das Präventionsprogramm wurde mit insgesamt 20 ersten und zweiten Klassen durchgeführt, die der Experimentalgruppe zugeteilt wurden, während weitere 20 Klassen als Kontrollgruppe dienten.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich die Prävalenz häufiger Fehlzeiten durch das ETPP um rund 10% deutlich reduzieren ließ. Alle Lehrpersonen in den Experimentalgruppen gaben an, dass sich die Hausbesuche vorteilhaft auf die Beziehung zu den Eltern ausgewirkt haben, und 94 Prozent von ihnen bestätigten dies auch für die Beziehung zu den SchülerInnen. Die meisten Lehrpersonen (88%) bewerteten die Hausbesuche bei den SchülerInnen als „hilfreich“ oder „sehr hilfreich“ um die SchülerInnen und deren Familien kennenzulernen. Die meisten Lehrpersonen berichten, dass sie aufgrund der angeschafften Smartphones erheblich öfter mit den Eltern kommunizieren. Die Auswertung der Studie machte darüber hinaus deutlich, dass es aufgrund der verfügbaren Smartphones in der Experimentalgruppe häufiger zu einem Austausch zwischen den Lehrpersonen und den Eltern gekommen ist. Sowohl die Eltern als auch die Lehrpersonen haben auf diesem Wege häufiger den Kontakt zum jeweils anderen gesucht, als es in der der Kontrollgruppe beobachtet wurde.

In ihrem Fazit kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass sich der Einsatz des ETPP an den fünf Grundschulen bewährt hat. Die Kosten des Präventionsprogramms (z.B. für die Kompensation des zusätzlichen Zeitaufwands der Lehrpersonen und die Anschaffung der Smartphones etc.) bewegen sich laut den Autoren in einem überschaubaren und vor allem vertretbaren Rahmen, sodass hier eine vielversprechende Möglichkeit gesehen wird, aufkommenden Problemen mit dem Schulbesuch bereits frühzeitig entgegenzutreten.    

1) Cook, P. J., Dodge, K. A., Gifford, E. J., & Schulting, A. B. (2017). A new program to prevent primary school absenteeism: Results of a pilot study in five schools. Children and Youth Services Review, 82, 262-270.

Zsammenfassung der Studie: Schulpsychologe Philipp Deing

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