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Network-Chain-Cohorting!?

Der Virologe Christian Drosten hat im Dezember auf eine Studie aufmerksam gemacht, die sich damit beschäftigt, wie Klassen in Schulen so aufgeteilt werden können, dass sich Infektionsrisiken verringern:

„Dann hat man untersucht, wie man diese Klassen einteilen kann. Da wird es interessant. Man hat verschiedene Einteilungsmodelle aufgebaut, die auch jeweils realistisch sind. Und zwar einmal einfach alphabetisch. Dass man sagt: erste Hälfte des Alphabets ist in einer Hälfte und die andere Hälfte in der anderen Hälfte der Klasse. Man spricht übrigens dann von Kohorten. Oder dass man nach Geschlecht einteilt. Also Jungs und Mädchen jeweils eine Hälfte und die zahlenmäßigen Differenzen dann noch auffüllt durch einzelne Personen, die dann wechseln müssen zwischen den Hälften. Oder dass man ein hypothetisches Modell nimmt, wenn man die realen Kontakte kennen würde, und die Autoren kennen die Kontakte, weil sie diesen empirischen Datensatz haben, den sie analysieren können, den sie kennen, wie wäre es, wenn man das optimal machen würde? Dass also die Freizeitkontakte, und darum geht es hier in Wirklichkeit, die Freizeitkontakte nach der Schule, genau synchron sind mit der Zusammensetzung der Gruppen. Das heißt, die Gruppen sind zusammen, die sowieso auch nachmittags immer zusammen sind.“

Vorteile der Aufteilung in kleinere Gruppen sind:

  • Größere Abstände zwischen SchülerInnen im Klassenraum (mehr Fläche pro Person)
  • Reduzierung der Anzahl von Personen, die einer Infektion in der Klasse ausgesetzt sind.
  • Quarantänen können auf eine einzige Kohorte begrenzt werden. 

Besonders wirkungsvoll sind diese Maßnahmen, wenn sie im Rahmen eines Wechselunterrichts mit 14-tägigem Wechselrhythmus etabliert werden und somit eine „natürliche Quarantäne“ erzeugen.

Die von Christian Drosten genannte Studie untersucht folgende Strategien der Kohortenbildung:

  • Zufällige Kohortenbildung, wie bspw. eine Einteilung der Gruppe nach alphabetischer Reihenfolge. Diese Aufteilung ist in Schulen sicher am leichtesten vorzunehmen. Aber wie eine Gymnasiastin richtig anmerkt, keine besonders wirksame Strategie: „Die Aufteilung der Kurse ist nicht wirklich sinnvoll, da wir Schüler uns sowieso in den Pausen sehen und die alphabetische Trennung teilweise ein Ungleichgewicht in der Schülerzahl pro Raum verursacht“.
  • Aufteilung nach dem Geschlecht („gender strategy“)
  • „Optimierungsstrategie“ („Optimization“): nutzt Selbstauskünfte von SchülerInnen über außerschulische Kontakte
  • „Network-chain-cohorting“  

„Network-chain-cohorting“ wird als Aufteilungsstrategie auch auf den Seiten des Schulministeriums empfohlen. Christian Drosten beschreibt dieses Vorgehen wie folgt:

„Also ein Wahlverfahren im Prinzip. Man fängt mit einem Schüler an, von dem man denkt, er ist sozial interaktiv. Der soll benennen, welche Kontakte er oder sie in der Klasse hat. Dann nimmt man aus diesem Kontaktkreis wieder einen und fragt wieder die gleiche Frage: Welche Kontakte hast du hier in der Klasse, in der Freizeit? Das macht man so lange, bis eine Hälfte der Klasse zahlenmäßig voll ist. Und die andere Gruppe ist der Rest.“ 

Im Sinne der Kontaktreduktion und Minimierung eines Infektionsrisikos ist ein solches Verfahren sicher sinnvoll, denn das Ziel ist, zwischen den Freizeitkontakten und den schulischen Gruppen eine möglichst hohe Übereinstimmung zu erreichen. Dazu wäre dann aber die „Optimierungsstrategie“ (= optimiertes „network-chain-cohorting“) am besten geeignet: Alle SchülerInnen werden nach ihren sozialen Kontakten befragt und die schulischen Gruppen nach außerschulischer Kontaktintensität gebildet. Im Grundschulbereich müssten dann dazu auch die Eltern einbezogen werden, um die notwendige Akzeptanz des Verfahrens zu gewährleisten. Die „Optimierungsstrategie“ vermeidet somit soziale Ausgrenzung und ist auch in Bezug auf das Infektionsgeschehen die Strategie mit den besten Effekten. Das ist allerdings ein sehr aufwändiges Verfahren, insbesondere in Kurssystemen der Sekundarstufen. Von den Lehrkräften kann nicht erwartet werden, dieses umfassende Wissen über die privaten sozialen Netzwerke aller ihrer SchülerInnen mitzubringen. Deshalb haben sich auch MathematikerInnen mit dieser Aufgabe beschäftigt und es gibt im Web inzwischen einige Applikationen für die Aufteilung von Klassen unter Berücksichtigung der außerschulischen Kontakte: 

  • klassenteiler.de: SchülerInnen wird ein personalisierter Klassenlink zur Verfügung gestellt. Es werden der eigene Namen und die Namen von bis zu 5 MitschülerInnen eintragen. Der Algorithmus berechnet die optimale Aufteilung der Klasse.  
  • rulemaker.de: Aufteilung ganzer Jahrgänge in klassenübergreifende Kurse (auch für die gymnasiale Oberstufe geeignet).
  • Corona-Schuleinteilung: Aufteilung ganzer Jahrgänge oder Schulen inklusive klassenübergreifender Kurse. Bei Bedarf auch Berücksichtigung komplexerer Abhängigkeiten (auf keinen Fall zu trennende Gruppen, wie z.B. Geschwisterpaare usw.).  

Zur Reduzierung von Infektionsrisiken ist die Aufteilung von Klassen unbestritten notwendig, zu bedenken ist aber, welche neue Dynamiken sich daraus ergeben. So findet die „gender strategy“ pädagogisch sicher keine Akzeptanz. Auch die auf den ersten Blick einleuchtende Strategie des „network-chain-cohorting“ ist keine triviale Angelegenheit, wenn man berücksichtigt, welche Rückwirkung es auf die beteiligten SchülerInnen und deren Eltern hat. Es klingt ein wenig wie das Verfahren aus dem Sportunterricht, an das sich manche SchülerInnen und Eltern vielleicht ungern erinnern: Es werden  Mannschaften gebildet und nach der Auswahl der beliebten SchülerInnen gibt es dann den „Rest“. Nun empfiehlt das Ministerium: „Im Prinzip sollten die Klassenleitungen aufgrund ihrer pädagogischen Fürsorgeverantwortung mit ihrer Befragung bei einer Schülerin bzw. einem Schüler beginnen, die bzw. der aktuell innerhalb der Klassengemeinschaft eher weniger sozial interagiert bzw. möglicherweise integriert ist.“ Weiter heißt es: "Diese sozialanalytische Einteilung hat sowohl positive Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen (Schülerinnen und Schüler bleiben in ihrer "sozialen Blase") als auch die Gruppendynamik."  Ob die Gruppendynamik sich immer zum Positiven entwickelt ist fraglich und im Ergebnis wird auch bei diesem Vorschlag die voraussichtliche Gruppendynamik unter den Eltern nicht berücksichtigt.  

Eltern – insbesondere von Grundschulkindern – hinterfragen oft Entscheidungen der Schule, zumeist mit Blick auf das Wohlergehen des eigenen Kindes. Wir kennen als SchulpsychologInnen viele Anlässe von Konflikten, die sich aus der Klassenbildung ergeben. Man stelle sich nun vor, Eltern erfahren von ihrem Kind, dass einige Kinder „sich die Gruppe aussuchen durften“ (denn so wird es kommuniziert) und der „Rest“ in die andere Gruppe musste. Bleibt das Verfahren intransparent werden sich daraus Konflikte ergeben und mit „network-chain-cohorting“ werden nur diejenigen Eltern zufrieden sein, deren Kinder in Bezug auf ihre Kontakte befragt wurden.  

Anzuerkennen ist, dass die (Grund-)Schulen zuvor schon viele sinnvolle Kriterien der Gruppenaufteilung reflektiert haben:

  • Sind Geschwisterkinder auf der Schule?
  • Welche Kinder sind aus der Notbetreuung bereits in einem engen Kontakt und werden dies auch weiterhin sein?
  • Welche Kinder verstehen sich besonders gut und haben auch sonst Kontakt untereinander?

Hilfreich ist demnach maximale Transparenz des Vorgehens bei gleichzeitigem Konsens über das gemeinsame Ziel: Die Reduzierung des Infektionsrisikos möglichst sozialverträglich zu gestalten.

Quellen:  

Schulministerium

Podcast Drosten

Studie zur Kohortenstrategie

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