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Macht Kaugummikauen schlau?

Wie wunderbar einfach wäre es doch, wenn wir unsere Intelligenz mit dem Kauen eines Kaugummis steigern könnten. Wenn wir durch die regelmäßig-rhythmische Bewegung unseres Kauapparates etwa unsere Konzentrationsfähigkeit, unser Erinnerungsvermögen oder gar unsere gesamte Lernleistung verbessern könnten. Tatsächlich gibt es die weitverbreitete Auffassung, dass sich durch das Kauen eines Kaugummis beim Lernen vorteilhafte Effekte auf die Lernleistung ergeben würden.

Aber woher rührt diese Annahme?   Wirft man einen Blick in die Forschungsliteratur findet man nur wenige wissenschaftliche Studien, die sich explizit mit dieser Fragestellung auseinandergesetzt haben. Allerdings konnten in diesen wenigen Studien positive Effekte des Kaugummikauens auf die Lernleistung nachgewiesen werden. Schaut man genauer hin, so lassen sich zum Teil erhebliche Mängel bei den methodischen Herangehensweisen dieser Studien finden (es wurden z.B. immer nur sehr kleine Stichproben untersucht). Trotz berechtigter Kritik haben die wenigen existierenden Studien ein nicht unerhebliches mediales Echo erfahren. In Printmedien sowie in Funk- und Fernsehsendungen wurden die Studienergebnisse aufgegriffen, und darüber berichtet, dass Kaugummikauen die „Hirnleistung“ verbessert.  

Um der Frage auf den Grund zu gehen, ob man das Kaugummikauen in Schulen nicht länger verbieten, sondern im Idealfall sogar empfehlen sollte, haben Psychologen der Universität Marburg eine Studie durchgeführt, in der die Kritikpunkte älterer Studien berücksichtigt wurden (Rost, D. H., Wirthwein, L., Frey, K. & Becker, E. (2010). Steigert Kaugummikauen das kognitive Leistungsvermögen? Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 24, 39-49).

Es wurden insgesamt zwei Experimente mit jeweils hinreichend großen Stichproben durchgeführt. An diesen Experimenten nahmen Fünft- und SechstklässlerInnen verschiedener Schulformen (u.a. Gesamtschule und Gymnasium) teil, um zu untersuchen, ob sich das Kauen eines zuckerfreien Kaugummis positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirkt. Die SchülerInnen wurden zu diesem Zweck per Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. In der einen Gruppe bekamen die Kinder zu Beginn des Experiments zwei Kaugummis und wurden gebeten, sofort mit dem Kauen zu beginnen. Die Kinder der zweiten Gruppe bekamen ihre Kaugummis am Ende der Untersuchung. Alle Kinder sollten dann verschiedene Teilaufgaben von gängigen standardisierten Intelligenztests bearbeiten, anhand derer die Konzentrationsfähigkeit, die Gedächtnisleistung und verschiedene Dimensionen der Intelligenz ermittelt wurden.  

Im Vergleich zwischen den Kaugummikauern und den Nichtkauern konnten am Ende der Experimente allenfalls kleine Unterschiede nachgewiesen werden. Diese Unterschiede fielen allerdings nicht zugunsten der Kaugummikauer aus, sondern wiesen eher auf leichte Vorteile der nicht-kauenden MitschülerInnen hin. 

Unter dem Strich konnte also vorerst mit dem Mythos von einer Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit durch das Kauen eines Kaugummis aufgeräumt werden. Die Suche nach einem einfachen Rezept zur Steigerung der Intelligenz muss somit leider fortgesetzt werden, und endet nicht am Regal im Supermarkt.

Schulpsychologe Philipp Deing

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