RSB Borken RSB Borken

Lesen lernen bei Jungen und Mädchen

Ein häufig zu hörendes Geschlechterklischee besagt, dass Jungen besser rechnen, Mädchen dafür besser lesen könnten. Zumindest für den zweiten Teil dieser Aussage konnten in der psychologischen Forschung eindeutige Hinweise gefunden werden: Jungen können demnach im Durchschnitt weniger gut lesen als gleichaltrige Mädchen. Forschungsergebnisse aus dem deutschsprachigen Raum deuten darauf hin, dass die Unterschiede in der Lesekompetenz zwischen den Geschlechtern zu Beginn der Grundschulzeit noch eher klein ausfallen, sich dann jedoch im Laufe der Schulzeit vergrößern. Man spricht von einem Schereneffekt, wenn die Leistungszuwächse der Mädchen die Leistungszuwächse der Jungen übersteigen.

Doch welche Gründe gibt es für diesen Schereneffekt? Welche Rolle spielt die gewählte Schulform? Wie wirken sich der sozioökonomische Status oder ein Migrationshintergrund der Eltern auf die Entwicklung der Lesekompetenz von Mädchen und Jungen aus?  

In einer aktuellen Studie haben sich WissenschaftlerInnen mit den Hintergründen der genannten Leistungsunterschiede beschäftigt. In einer längsschnittlich angelegten Studie wurde untersucht, wie sich die Lesekompetenzen von FünftklässlerInnen im Laufe von vier Jahren entwickeln, ob ein sogenannter Schereneffekt auftritt, und welche Rolle die Schulform, der sozioökonomische Status und der Migrationshintergrund der Eltern spielen. An der Studie nahmen insgesamt gut 2.500 Schülerinnen und Schüler aus Baden-Württemberg teil. Zu vier Messzeitpunkten im fünften, sechsten, siebten und achten Schuljahr wurden sowohl die Lesegeschwindigkeit als auch das Leseverständnis aller SchülerInnen erfasst. Zusätzlich wurden Daten zum Migrationshintergrund und sozioökonomischen Status der Eltern ermittelt.

Im Ergebnis der Langzeitstudie bestätigte sich der erwartete Schereneffekt: Mädchen erzielten innerhalb der vier Jahre größere Leistungszuwächse beim Lesen als Jungen. Dieser Effekt zeigte sich unabhängig von der besuchten Schulform, dem Migrationshintergrund und dem sozioökonomischen Status der Eltern.   Zur Erklärung der Geschlechterunterschiede beim Lesen nehmen die Autoren der Studie an, dass geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse die wichtigste Rolle spielen. In den Köpfen vieler Menschen wird Lesen als eher weibliche Tätigkeit betrachtet. Viele Eltern erwarten von ihren Söhnen im Durchschnitt geringere Leseleistungen als von ihren Töchtern. Dies wiederum wirke sich auf das Selbstkonzept der Schülerinnen und Schüler aus. Jungen entwickeln demzufolge häufig eine negativere Einstellung zum Lesen als Mädchen. Sie zeigen eine geringere Motivation zum Lesen und entwickeln andere, dem Lernzuwachs eher abträgliche Lesegewohnheiten als Mädchen. Ein weiterer Erklärungsansatz kann in neurobiologischen Unterschieden zwischen Mädchen und Jungen gesehen werden. Empirisch konnte etwa gezeigt werden, dass Jungen häufiger von Sprachstörungen betroffen sind und insgesamt geringere Sprachleistungen zeigen als Mädchen. Diese Befunde können auch in den Zusammenhang mit Ergebnissen gebracht werden, nach denen Mädchen durchschnittlich bessere Schulnoten bekommen, als Jungen.  

Berendes, K., Becker, M., Jacoby, J., Flunger, B., Nagengast, B., & Trautwein, U. (2018). Individuelle Entwicklungsverläufe beim Lesen. Macht das Geschlecht einen Unterschied? Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogischen Psychologie, 50, 192-208.

Zusammenfassung: Schulpsychologe Philipp Deing   

Nach oben