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Aufmerksamkeitsstörung / Hyperaktivität

Was ist ADS?

Das sogenannte Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) ist ein Sammelbegriff für eine Kombination von verschiedenen auffälligen Verhaltensweisen (Syndrom), die bei Kindern und Erwachsenen vorkommen können. Es handelt sich dabei um drei Kernbereiche:

Störungen von Aufmerksamkeit und Konzentration: Das Kind ist sehr leicht ablenkbar, vergesslich, flüchtig, sprunghaft, es hat eine geringe Ausdauer.

Hohe Impulsivität: Das Kind zeigt ein sehr spontanes, unüberlegtes Verhalten, kann schlecht abwarten, hat eine geringe Frustrationstoleranz, neigt zu Wutausbrüchen und Trotz.

Motorische Unruhe / Hyperaktivität: Das Kind hat einen sehr starken Bewegungsdrang, kann kaum stillsitzen, hantiert mit Gegenständen usw.

Das sind eigentlich ganz normale kindliche Verhaltensweisen: Viele Kinder sind lebhaft und unruhig oder zeigen ein sehr spontanes, impulsives Verhalten. Kinder können sich schlechter konzentrieren und lassen sich leichter ablenken als Erwachsene. Deshalb müssen sie aber noch nicht „ADS haben“. Was Kinder mit ADS von normalen Kindern unterscheidet, ist die Intensität und die Hartnäckigkeit der Symptome sowie deren schlechte Beeinflussbarkeit. Das heißt, dass „ADS-Kinder“ sehr viel stärker unkonzentriert und ablenkbar, impulsiv und unbeherrscht sowie motorisch unruhiger sind als andere Kinder. ADS „hat“ man also nicht, wie Masern oder Mumps, sondern es geht vielmehr darum, dass bestimmte Verhaltensweisen, die ansonsten auch bei anderen Kindern vorkommen, extrem ausgeprägt und schwierig zu beeinflussen sind. Im Mittelpunkt steht dabei übrigens die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung. ADS setzt sich im Einzelfall jeweils aus Störungen der Aufmerksamkeit (immer), erhöhter Impulsivität (meistens) und motorischer Unruhe (manchmal) zusammen und deshalb zeigt jedes „ADS-Kind“ auch ein eigenes Verhaltensmuster. Es gibt also auch betroffene Kinder, die wenig impulsiv oder hyperaktiv sind (sog. „ADS-Träumer“).

ADS ist auch kein neues Phänomen. Der Nervenarzt Heinrich Hoffmann beschrieb bereits 1845 im „Struwwelpeter“ den „Zappelphilipp“, ein Paradebeispiel für ADS mit Hyperaktivität. Die ADS-Definition und Diagnose wird in Deutschland erst seit wenigen Jahren verwendet. Sie ersetzt frühere Bezeichnungen wie „HKS“ („Hyperkinetisches Syndrom“) oder „MCD“ („Minimale cerebrale Dysfunktion“), die heute kaum noch verwendet werden. Die Sprachregelung ist leider nicht einheitlich. „ADS“ ist der in Deutschland zur Zeit gängige Oberbegriff. Manchmal trifft man auch auf die Begriffe „ADD“ („attention deficit disorder“, USA und England) oder auch „ADHS“ sowie „ADSH“, wobei das H für „ADS mit Hyperaktivität“ steht.

Auf der sozialen Ebene zeigen von ADS betroffene Kinder häufig ein oppositionelles (trotziges) Verhalten gegenüber Erwachsenen, insbesondere was das Einhalten von Regeln oder die Erledigung von fremdbestimmten Aufgaben (Schule und Hausaufgaben) betrifft. Auch im Hinblick auf andere Kinder kommt es häufig zu Konflikten. ADS-Kinder sind i.d.R. unbeherrscht, chaotisch und sehr anstrengend. Sie stoßen mit ihrem Verhalten bei anderen Kindern und Erwachsenen auf Ablehnung und Ausgrenzung. So entsteht ein verhängnisvoller Teufelskreis, bei dem sich das störende Verhalten der Kinder und die massive Ablehnung der Bezugspersonen gegenseitig verstärken (destruktive Machtkämpfe). Solche Kinder schaffen es häufig, dass wir selbst die Beherrschung verlieren und unkontrolliert „ausrasten“. In diesem sich selbst verstärkenden Teufelskreis werden beide Seiten auf Dauer zu Verlierern. 

„ADS-Kinder“ leiden übrigens auch an sich selbst: Sie spüren sehr sensibel, dass sie anders sind und häufig anecken. Sie möchten gerne ihr Verhalten ändern, mehr Selbstkontrolle erlangen, jedoch fehlen ihnen i.d.R. die Mittel dazu. Deshalb sind sie auf unsere Hilfe angewiesen und es dauert lange, bis sie dazu in der Lage sind, ihr störendes Verhalten besser „im Griff“ zu haben. Die pädagogische Arbeit mit ADS-Kindern ist sehr anstrengend. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 5 bis 10 Prozent der Kinder von ADS betroffen sind, also durchschnittlich ca. 2 Kinder pro Schulklasse. Das Verhältnis von Jungen und Mädchen bei ADS ohne Hyperaktivität („ADS-Träumer“) beträgt in etwa 1 zu 1. Bei ADSH sind es mit ca. 3 zu 1 deutlich mehr Jungen.

Diagnose

Eine ADS-Diagnose, die in der Regel von einem Kinderarzt oder Diplom-Psychologen erstellt werden sollte, ist nicht einfach. Dies hat vor allen Dingen damit zu tun, dass die Übergänge von „normaler“, „starker“ oder „extremer Ausprägung“ fließend sind und es deshalb keine präzisen Kriterien dafür gibt, ob ein bestimmtes Kind bereits „pathologisch“ zerstreut, unbeherrscht oder hyperaktiv ist (umgangssprachlich: ob es „ADS hat“) oder eben vielleicht Verhaltensweisen zeigt, die noch als halbwegs „normal“ bezeichnet werden können. Eine andere Schwierigkeit betrifft den Umstand, dass es bis jetzt noch keinen spezifischen, standardisierten „ADS-Test“ gibt.

Man stützt sich bei der Diagnose in erster Linie auf die Verhaltensbeobachtung, d.h., dass die Diagnose weitgehend aus dem beobachteten Verhalten eines Kindes erschlossen wird. Dazu benutzt der Arzt und/oder der Diplom-Psychologe sowohl eigene Beobachtungsdaten als auch wichtige Fremdbeobachtungen, zum Beispiel der Eltern oder von Lehrerinnen und Lehrern. Wenn sich dabei die Hinweise auf die o.g. „ads-typischen Verhaltensweisen“ häufen und verdichten, kommt es mit hoher Wahrscheinlichkeit zur entsprechenden Diagnose. Zusätzlich werden manchmal spezielle Wahrnehmungs- und Konzentrationstests verwendet, die allerdings nicht obligatorisch sind. Ein Intelligenztest ist für die ADS-Diagnose übrigens nicht zwingend erforderlich, da die entsprechenden Symptome vom Intelligenzquotienten eines Kindes unabhängig sind. Allerdings muss man berücksichtigen, dass Konzentration und Arbeitsverhalten das Ergebnis eines Intelligenztestes beeinflussen.

 

Ursachen

Es gibt bis heute keine eindeutige Erklärung für die Entstehung von ADS. Allerdings geht man z.Zt. überwiegend von einer organischen Ursache aus, die mit der Funktionsweise des Gehirns zu tun hat: Es wird vermutet, dass bei ADS-Kindern die Steuerung der Informationsaufnahme und - verarbeitung im Gehirn beeinträchtigt ist. Nach dieser medizinischen Erklärung gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Unregelmäßigkeiten im Gehirnstoffwechsel und ADS. Dafür wird ein bestimmter Botenstoff verantwortlich gemacht, der an der Übertragung von Nervenimpulsen im Gehirn beteiligt ist: das sog. Dopamin. Offenbar hat ein Mangel an Dopamin bei diesen Kindern zur Folge, dass die Fähigkeit zur Steuerung der Konzentration und Aufmerksamkeit beeinträchtigt ist. Die Kinder leiden dann unter einer „Reizfilterschwäche“. Sie haben Probleme damit, unwichtige Reize auszublenden und ihre Aufmerksamkeit  „scharf zu stellen“, um sich nur auf eine Sache zu konzentrieren.

 Bei dieser medizinischen Erklärung handelt es sich um eine Hypothese, die z.Zt. von den meisten Experten als gültige Erklärung akzeptiert wird. Allerdings sind die fraglichen Prozesse beim Gehirnstoffwechsel so komplex, dass die vermuteten Zusammenhänge beim einzelnen Kind selbst mit modernen Untersuchungsmethoden nicht direkt nachzuweisen sind. (Entsprechende Hinweise wurden beim klinischen Einsatz mit hochmodernen bildgebenden Verfahren gefunden, über die jedoch kein niedergelassener Kinderarzt verfügt. Das Hirnstrombild (EEG) der Kinder ist i.d.R. unauffällig.)

Hinsichtlich der Ursachen für die o.g. Störung im Hirnstoffwechsel wird angenommen, dass erbliche Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Bei einigen Kindern gibt es einen Zusammenhang von ADS mit Komplikationen während der Schwangerschaft, der Geburt oder der Säuglingsphase, die die Gehirnreifung beeinträchtigen (z.B. Sauerstoffmangel während der Geburt). Als mögliche Ursache wird auch immer wieder die Ernährung ins Spiel gebracht (z.B. Zucker und Phosphate, Farbstoffe, Milcheiweiß etc.). Es ist nicht auszuschließen, dass dies im Einzelfall eine Rolle spielt. Beim heutigen Stand der Forschung wird der Einfluss dieser Nahrungsbestandteile jedoch als gering eingeschätzt.

Kontroverse Diskussionen gibt es über die Rolle von Umwelt und Erziehung: Es ist zumindest eine plausible These, dass die moderne Gesellschaft mit ihrem rasanten Tempo und einer ständigen Reizüberflutung in den Medien eine Generation von „ADS-Kindern“ hervorbringt. Demnach ist der vorherrschende Lebensstil der „Spaßgesellschaft“ zumindest mit dafür verantwortlich, dass Kinder sowohl Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen entwickeln als auch eine geringe Anstrengungsbereitschaft zeigen und entsprechend schnell frustriert reagieren. Darüber hinaus kommen noch die Unruhe, die Hektik und der Stress der Erwachsenen hinzu.

Gegenwärtig geht man davon aus, dass die Erziehung zwar nicht die eigentliche Ursache von ADS ist, dass  sie allerdings ganz erheblich dazu beiträgt, ob sich die Probleme verschärfen oder eben nicht. Dies leuchtet auch unmittelbar ein: Aufgrund ihrer Symptome ecken diese Kinder viel stärker an als andere Kinder. Sie übertreten Grenzen und provozieren Machtkämpfe. Das bedeutet, dass diese Kinder natürlich deutlich schwieriger zu „händeln“ sind und ihre Erziehung ein Kraftakt ist. Folglich sind entsprechende „Erziehungsfehler“ auch wahrscheinlicher. Es ist zwar eine Binsenweisheit, „dass Kinder Grenzen brauchen“, die praktische Umsetzung jedoch ist gerade bei solchen Kindern schwierig.

 

Therapie

Die gängigen Verfahren zur „Behandlung von ADS“ lassen sich in medizinische, pädagogisch-psychologische sowie unterstützend-ergänzende Maßnahmen unterteilen:

Bei den medizinischen Verfahren ist die medikamentöse Therapie mit Psychostimulanzien am wichtigsten. Die betreffenden Medikamente wie „Ritalin“, „Medikinet“ oder auch seit kurzem „Concerta“ werden nach eingehenden Untersuchungen i.d.R. vom Kinderarzt bzw. Kinder- und Jugendlichenpsychiater verordnet. Sie sind rezeptpflichtig und fallen unter das Betäubungsmittelgesetz, weshalb sie umgangssprachlich häufig als „Droge“ bezeichnet werden. Die Medikamente nehmen offenbar tatsächlich Einfluss auf den Gehirnstoffwechsel und scheinen in der Lage zu sein, den vorhandenen Dopamin-Mangel auszugleichen und damit die Konzentration zu verbessern. Sie beruhen auf einem Wirkstoff, der im Prinzip ein „Aufputschmittel“ (Amphetamin) ist, bei ADS-Kindern jedoch eine paradoxe Wirkung hat: Es verringert (meistens) die Impulsivität und die motorische Unruhe der Kinder und verbessert (meistens) deren Aufmerksamkeit, Konzentration und Ausdauer.

Die Medikamente sollen den Kindern in erster Linie helfen, um in der Schule besser zurecht zu kommen. I.d.R. wird mit einer geringen Dosierung angefangen, die häufig erhöht wird, bis die Kinder „optimal eingestellt“ sind. Dabei soll die regelmäßige Einnahme zur Vermeidung von Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten medizinisch kontrolliert werden. Anstelle von Tabletten gibt es auch Amphetamin-Säfte mit ähnlicher Wirkung. Die Effekte von homöopathischen Mitteln scheinen eher fraglich. Es gibt verständlicherweise einen heftigen Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der medikamentösen ADS-Therapie.

Die damit verbundenen „Risiken und Nebenwirkungen“ werden dabei je nach Sichtweise sehr schnell verharmlost oder überspitzt. Dies verunsichert insbesondere Eltern, die eine Entscheidung dafür oder dagegen auch nicht leichtfertig treffen. Die elterlichen Befürchtungen und Ängste betreffen wesentlich die Frage nach den Neben- und Langzeitwirkungen der Medikamente („Macht Ritalin auf Dauer süchtig?“). Nicht selten werden Eltern heftig dafür kritisiert, wenn sie sich nach reiflicher Überlegung dafür entschieden haben, ihrem Kind ein Medikament zu geben.

Aus schulpsychologischer Sicht (die sich von der rein medizinischen Perspektive unterscheidet,) können wir Ihnen folgende Erfahrungen und Tipps weitergeben:

Es gibt in Einzelfällen tatsächlich gute Gründe für die Einnahme von Ritalin bzw. vergleichbaren Medikamenten, insbesondere dann, wenn bereits zahlreiche Bemühungen um eine positive Verhaltensänderung fehlgeschlagen und die Beteiligten entsprechend frustriert und mit „ihrem Latein am Ende“ sind. Tatsächlich gibt es einige gravierende Einzelfälle, in denen eine negative Schulkarriere vorprogrammiert ist und die Kinder ohne Medikament als „nicht mehr beschulbar“ gelten und der entsprechende Stress auch zuhause nicht mehr auszuhalten ist.

Im Gegensatz dazu gibt es ebenso gute Gründe gegen die Einnahme von Medikamenten, in erster Linie hinsichtlich unerwünschter Neben- oder Langzeitwirkungen, wogegen niemand eine Garantie geben kann. Für die medizinische Diagnose und Therapie von ADS kommen nur die örtlichen Kinderärzte, niedergelassenen Kinder- und Jugendlichenpsychiater oder pädiatrische Kliniken in Frage. Konsultieren Sie zunächst einen Kinderarzt Ihres Vertrauens und teilen Sie diesem ihre Befürchtungen und Ängste mit und erwarten Sie eine umfassende Aufklärung. Seien Sie skeptisch, wenn Sie jemand davon zu überzeugen versucht, „dass dieses Medikament absolut ungefährlich ist und keinerlei Nebenwirkungen hat“, denn schließlich gibt es kaum Medikamente, die völlig frei von Nebenwirkungen sind.

Informieren Sie sich auch über andere Quellen, wie Bücher oder das Internet. Tauschen Sie Ihre Erfahrungen auch mit anderen Eltern aus, deren Kinder ebenfalls ein entsprechendes Medikament bekommen. Dazu gehören auch lokale „ADS-Selbsthilfe-gruppen“.

Verlassen Sie sich in keinem Fall auf „die Pille alleine“, denn sie kann die anstrengende Erziehungsarbeit zwar erleichtern, aber keinesfalls ersetzten. Medikamentöse Therapien sollten stets mit pädagogisch-psychologischen Maßnahmen (siehe unten „Multimodale Therapie“) einhergehen, denn nur daraus ergeben sich die besten Chancen für eine positive Verhaltensbeeinflussung.

Aus psychologischer Sicht hat die rein medizinische Betrachtungsweise von ADS allerdings einen Haken: Wenn es nämlich zutreffen sollte, dass ADS eine „angeborene Krankheit“ ist (und medikamentös behandelt werden muss), bedeutet das zunächst einmal eine große Entlastung für Eltern, Kinder und Lehrkräfte: Niemand kann etwas dafür! Die Kehrseite der Medaille ist allerdings die Frage nach der Selbstverantwortung: Eine ADS-Diagnose ist trotzdem kein „Freibrief“ für problematisches Verhalten! Es stellt sich die Frage, was Eltern, Kinder und Schule trotzdem aktiv dazu beitragen können, um die Problematik zu entschärfen? Selbst wenn ADS tatsächlich „medizinisch begründet“ sein sollte, muss man auch danach fragen, wie damit pädagogisch sinnvoll umzugehen ist. An dieser Stelle kommt also die Erziehung sozusagen „durch die Hintertür“ doch wieder mit ins Spiel. Ohne die so wichtige „erzieherische Außensteuerung“ (insbesondere hinsichtlich der Strukturen, Regeln und Grenzen) ist die medikamentöse Therapie relativ wirkungslos, weil oberflächlich. Eine rein medizinische Sicht von ADS birgt die Gefahr, sämtliche Verantwortung an Medikamente abzugeben. Sie enthebt die beteiligten Personen letzten Endes von jeglicher persönlicher Verantwortung. Im günstigen Fall können Medikamente erzieherisches Handeln sehr erleichtern, im ungünstigen Fall können sie es aber auch sabotieren.

Neben der medikamentösen Behandlung von ADS sind pädagogisch-psychologische Maßnahmen am wichtigsten: Das Hauptproblem besteht in der fehlenden Selbstkontrolle bzw. einer mangelhaften Eigensteuerung der Kinder. Die pädagogisch-psychologischen Maßnahmen zielen zunächst darauf ab, die Außensteuerung zu erhöhen, indem man den Kindern Strukturen vorgibt, an denen sie sich orientieren können. Die größere Außensteuerung ist die Voraussetzung dafür, um schrittweise an der Verhaltensmodifikation (Verhaltensänderung) zu arbeiten. Hier hat sich insbesondere das Prinzip der positiven Verstärkung bewährt, bei dem die Kinder belohnt („verstärkt“) werden, wenn sie ein angemessenes, erwünschtes Verhalten zeigen. In der Regel richten wir unsere Aufmerksamkeit zu oft auf das negative, problematische Verhalten der Kinder und wir reagieren darauf mit Sanktionen (Ermahnungen und Strafen). Diese Reaktion ist zwar „normal“, aber relativ wirkungslos. Psychologisch ist es nämlich so, dass Strafen überwiegend dazu führen, ein problematisches Verhalten zu unterdrücken, jedoch nicht es zu ändern. Um einem Missverständnis gleich vorzubeugen: Wir wollen Ihnen nicht empfehlen, auf sämtliche Sanktionen zu verzichten. Bei schwerwiegenden Grenzüberschreitungen ist es nämlich sehr wichtig, entsprechend deutlich zu reagieren und Sanktionen auszusprechen. Der springende Punkt ist allerdings, dass Strafen eher selten zu einer dauerhaften positiven Verhaltensänderung führen. Das vorrangige Ziel besteht darin, den verhängnisvollen Teufelskreis von „Kind stört – Erwachsener sanktioniert“ zu unterbrechen und dem Kind ein angemessenes Verhalten zu ermöglichen. Es geht in erster Linie nicht darum, störendes Verhalten zu unterlassen als vielmehr darum, ein positives Verhalten zu entwickeln. Dies funktioniert am besten mit dem Prinzip der positiven Verstärkung und einer „Politik der kleinen Schritte“. Letzteres bedeutet, dass man sich zunächst auf eine konkrete Verhaltensweise konzentriert, die das Kind einüben soll. Entsprechende Fortschritte des Kindes sollten möglichst konsequent positiv verstärkt werden. Auf diese Weise bekommt das Kind endlich Erfolgserlebnisse und positive Rückmeldungen, die so wichtig sind, um sein Selbstwertgefühl zu stärken.

In der psychologischen Kindertherapie gibt es u.a. ausgeklügelte Methoden der Verhaltensmodifikation, die auf dem Prinzip der positiven Verstärkung beruhen und gute Erfolge erzielen (sog. „Verhaltenstherapie“). Leider sind die Therapeuten rar und die Wartezeiten lang. Es lohnt sich allerdings, Zuhause oder in der Schule ebenfalls mit entsprechend vereinfachten Verstärker- oder Belohnungssystemen zu arbeiten, weil auch kleine Fortschritte so enorm wichtig sind.

Neben der medizinischen und pädagogisch-psychologischen Behandlung von ADS gibt es schließlich noch sog. ergänzend-unterstützende Maßnahmen wie zum Beispiel Ergotherapie, Entspannungstraining usw. Man sollte deren Effektivität allerdings nicht überschätzen, weil sie eben nur ergänzende jedoch keine substantiellen Effekte bewirken. Eine gute und empfehlenswerte Alternative ist übrigens - insbes. bei ADHS - jede Art von Sport.

Die effektivste ADS-Behandlung ergibt sich aus der Kombination von medizinischen, psychologischen (Verhaltensmodifikation) und ergänzend-unterstützenden Maßnahmen (sog. „Multimodale Therapie“). Diese ist in der Praxis allerdings nicht unbedingt die Regel.

Das ADS-Kind in der Schule

„ADS-Kinder“ verstoßen häufig gegen unsere Normen und gegen unsere Erwartung, wie sich Kinder benehmen sollten. Das wird in der Schule schnell zu einem Problem, weil die Lehrerinnen und Lehrer von Kindern ein Verhalten einfordern, das bei ADS besonders schwerfällt: über längere Zeit still sitzen zu bleiben, spontanes impulsives Verhalten zu unterdrücken, sich anzustrengen und konzentriert bei einer Sache zu bleiben. Nicht nur solche Kinder tun sich damit schwer.

In der Schule wird von den Kindern selbstverständlich Einordnung und Disziplin, das Einfügen in vorhandene Regeln und Strukturen erwartet. Die Schule konfrontiert die Kinder mit einem hohen Maß an Fremdbestimmung und Außensteuerung. Bei einer zunehmenden Zahl von Kindern beobachtet man jedoch Schwierigkeiten, vorgegebene Regeln und Strukturen zu respektieren. Bei „ADS-Kindern“ sind diese Schwierigkeiten allerdings besonders ausgeprägt. Sie stören, verweigern Arbeitsaufträge und widersetzen sich, sind unbequem und anstrengend. Lehrerinnen und Lehrer zeigen zwar Verständnis, fühlen sich aber auch frustriert und hilflos. Manchmal werden sie auch wütend. So leiden ADS-Kinder unter der Schule und die Schule leidet an ihnen. 

Die pädagogischen Maßnahmen im Umgang mit ADS-Kindern zielen vorrangig darauf ab, den verhängnisvollen Teufelskreis aus Stören und Ablehnung zu durchbrechen und einer weiteren Eskalation entgegenzuwirken. Es ist nicht einfach, aus diesem Teufelskreis herauszukommen, denn normalerweise richtet sich die Aufmerksamkeit der Lehrerinnen und Lehrer überwiegend auf das störende negative Verhalten der Kinder, das dann entsprechend sanktioniert wird. Viele Lehrkräfte nehmen sich die Zeit, immer wieder mit den Kindern zu sprechen und hoffen auf deren Einsicht und Vernunft. Im Einzelgespräch zeigen sich die Kinder meistens auch einsichtig und geloben „Besserung“. Die Macht von Gesprächen („Verbalpädagogik“) und Vernunft ist aber leider sehr begrenzt, so dass sich daraus meistens keine wirklichen Veränderungen ergeben. Auch Sanktionen bleiben häufig ziemlich wirkungslos.

Aus unserer Sicht gibt es deshalb keine wirkungsvollere Alternative als die Arbeit am konkreten Verhalten der Kinder (Verhaltensmodifikation). Folgende Leitlinien sind dabei hilfreich:

„ADS-Kinder“ brauchen Strukturen, Regeln und Rituale!

Da die betroffenen Kinder zu einem „chaotischen Verhalten“ neigen und sehr leicht abzulenken sind, ist es wichtig, den Unterricht gut zu strukturieren und wiederkehrende Rituale einzubauen. Darüber hinaus ist es hilfreich, Dinge zu reduzieren, die ablenken können (z. B. Rücken zum Fenster). Arbeitsaufträge sollten möglichst verständlich, einfach und schrittweise erfolgen. U.U. Rückversicherung einholen, ob das Kind die Anweisung auch wirklich verstanden hat. Wichtige Klassenregeln müssen erarbeitet und etabliert werden.

Volle Aufmerksamkeit für positives Verhalten!

„ADS-Kinder“ bekommen i.d.R. sehr viel Aufmerksamkeit und „negative Zuwendung“ für störendes, unangemessenes Verhalten, was dieses meist noch verstärkt. Stattdessen ist es besser, die Kinder konsequent zu verstärken, wenn sie positives Verhalten zeigen. ( „Prima. Ich habe gesehen, dass du dich gerade gemeldet hast, so wie wir es vereinbart haben.“)

Reden ist Silber, Handeln ist Gold!

Bauen Sie nicht so sehr auf die „Macht der Worte“. Natürlich ist die Kommunikation mit dem Kind sehr wichtig und unverzichtbar. Sie sollten aber mit konkreten Anleitungen und Hilfestellungen für das Kind einhergehen (z.B. Signal vereinbaren, wenn es abgelenkt ist).

Reagieren Sie möglichst besonnen, sachlich und konsequent!

Dies gilt gleichermaßen für Grenzüberschreitungen, die nicht hingenommen werden können und eine deutliche Reaktion bzw. Sanktion erfordern wie auch für positives Verhalten, das möglichst sofort und konsequent verstärkt werden sollte.

Verhaltensmodifikation mit der „Politik der kleinen Schritte“!

Konzentrieren Sie sich zunächst nur auf ein Ziel, nicht mehrere gleichzeitig. Arbeiten Sie mit dem Kind gezielt an einer konkreten Verhaltensweise, wenn Sie ein Verstärkungs- bzw. Belohnungssystem einsetzen (z.B. „Wenn Du etwas sagen willst, musst Du vorher aufzeigen“).

Setzen Sie realistische Ziele!

Von einem „ADS-Kind“ zu erwarten, dass es lange Zeit still sitzt oder konzentriert und ausdauernd arbeitet, ist unrealistisch. Verbesserungen können nur schrittweise erfolgen, indem man realistische Ziele setzt, die das Kind gerade noch bewältigen kann. („Ich möchte, dass Du die nächsten zehn Minuten an dieser Aufgabe arbeitest. Danach kannst du eine Pause machen.“)

Arbeiten Sie an der Anstrengungsbereitschaft des Kindes!

Kindern mit ADS fällt es besonders schwer sich zu überwinden, unangenehme Aufgaben anzugehen. Sie reagieren darauf mit starken Vermeidungstendenzen. Hier ist es wichtig „dagegenzuhalten“ und die Kinder zu ermutigen, sich anzustrengen, obwohl es ihnen sehr schwer fällt. Dabei steht zunächst nicht das Arbeitsergebnis im Vordergrund, sondern das tatsächliche Bemühen, die Aufgabe zu meistern. („Ich weiß, wie schwer dir das jetzt gefallen ist, aber ich habe gesehen, wie toll du dich bemüht hast. Prima!“)

Diese Leitlinien für den Umgang mit ADS-Kindern beschränken sich nicht allein auf die Schule, sondern gelten ebenso für den häuslichen Bereich, wo man mit den gleichen Faustregeln gute Erfolge erzielen kann (z.B. bei den Hausaufgaben). Darüber hinaus ist sehr hilfreich, sich trotz aller Probleme immer wieder auch auf die vorhandenen Stärken der Kinder zu konzentrieren!

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