Zwanzig Prozent der 6- bis 11jährigen sehen sich massiv benachteiligt
"Armut grenzt aus und dies erleben die Kinder auch so in ihrem Alltag", erklärte die Kindheitsforscherin Prof. Dr. Sabine Andresen bei der Vorstellung der World Vision Kinderstudie. Gemeinsam mit dem Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Klaus Hurrelmann hatte sie zum zweiten Mal 2500 Kinder in Deutschland über ihre Lebenssituation und ihr Wohlbefinden befragt.
Die World Vision Kinderstudie erschien zum ersten Mal 2007. Sie wird nach den gleichen Prinzipien wie die Shell Jugendstudie gestaltet. In der vorliegenden 2. World Vision Kinderstudie wurden erstmals auch Sechs- bis Siebenjährige in eine Repräsentativerhebung einbezogen. Die Studie zeigt deutlich, dass bereits so junge Kinder ihre Realität und Umwelt sehr klar sehen und daraus Perspektiven für ihre Zukunft ableiten können. Die große Mehrheit dieser Kinder ist mit ihren Lebensverhältnissen in Familie, Freizeit, Freundeskreis und Schule zufrieden und fühlt sich wohl. Aber es gibt auch einige Kinder, die für ihr Leben schon in sehr jungen Jahren keine Perspektive mehr sehen und sich in ihren Rechten beschnitten fühlen.
"Es ist erschreckend zu sehen, wie sich schon in Deutschland eine Vier-Fünftel-Kindergesellschaft herausbildet", mahnte Hurelmann. "Die Kinder aus dem benachteiligten unteren Fünftel sehen ihre Zukunft negativ und trauen sich keine erfolgreiche Schullaufbahn zu. Es fehlt ihnen an Rückhalt, an Anregungen und an gezielter Förderung. In der Konsequenz ist der Alltag dieser Kinder bei einem größeren Teil einseitig auf Fernsehen oder auf sonstigen Medienkonsum ausgerichtet. Jungen sind hierfür besonders anfällig. Demgegenüber sind die Mädchen widerstandsfähiger und lernbereiter. Hier deutet sich ein großer Umbruch im künftigen Geschlechtsverhältnis an."
Die Studie hat auch ergeben, dass die traditionelle "Ein-Mann-Verdiener-Familie" ausgedient hat. In den meisten Fällen arbeiten beide Elternteile bzw. der alleinerziehende Elternteil. Fast ein Drittel der Kinder in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. "Wir machen uns große Sorgen um Kinder, die von alleinerziehenden Eltern aufgezogen werden. Sie werden in unserer Gesellschaft nach wie vor massiv benachteiligt. Armut wird von Kindern sehr konkret wahrgenommen und ist keine abstrakte Größe", betont Andresen.
Niedrige soziale Herkunftsschicht, ein alleinerziehendes Elternteil sowie fehlende Integration der Eltern in den Arbeitsmarkt sind die klassischen Risikofaktoren für ein Aufwachsen in Armut. Bezieht man sich auf die Herkunft der Kinder, so wird deutlich, dass fast die Hälfte der Kinder der Unterschicht einen Migrationshintergrund hat: Schichtzugehörigkeit und Migrationshintergrund bedingen sich.
Die große Mehrheit der Kinder in Deutschland hat eine äußerst positive Meinung von ihren Müttern und Vätern und lobt deren Bereitschaft, sie mitbestimmen zu lassen. Demgegenüber ist die Zufriedenheit mit den Grundschulen spürbar geringer. Dort möchten die Kinder genauso viel Einfluss auf die Gestaltung des Alltags ausüben, fühlen sich aber durch enge Vorgaben zu eingeschränkt.
Quelle: www.bildungsklick.de
