Schulpsychologe rät: Schüler sollten nach ihren Schwächen suchen und Eltern ihre Kinder unterstützen
Hat es in Mathe für eine Vier gereicht? Oder reißt mich die Sechs in der ersten Klausur doch noch auf die Fünf runter? Wird mich das Betteln um eine Zwei im Mündlichen vor der Vier in Deutsch bewahren? Und kann die Eins in Sport meine Eltern dazu bewegen, über die Fünf in Englisch hinwegzusehen?
Das sind Fragen, die sich viele Schüler jetzt vor den Halbjahreszeugnissen stellen. Eigentlich sollten sich Schüler aus diesem Anlass aber ganz andere Dinge fragen, meint der Wiesbadener Schulpsychologe Hartmut Bohrer. "Ob mich jetzt die zwei später gefundenen Kommafehler in der letzten Klausur im Zeugnis noch auf eine Vier hieven, oder eine Fünf zu Buche steht, sollte nicht die entscheidende Frage sein", sagt Bohrer. Vielmehr sollten sich Schüler Gedanken darüber machen, wo sie Schwächen haben und wie sie sich in diesen Fächern verbessern könnten, rät der Schulpsychologe.
Gespräch mit Lehrern
Eltern könnten dabei unterstützend auf ihre Kinder einwirken, indem sie das Zeugnis gemeinsam mit ihrem Nachwuchs analysieren. Bestrafen sollten sie ihre Kinder wegen mieser Noten nach Ansicht des Schulpsychologen nicht. "Die Kinder sind meistens durch die schlechten Noten schon gestraft genug", sagt Bohrer. Stattdessen sollten die Eltern lieber gemeinsam mit ihren Kindern ergründen, worin die Ursachen für schlechte Noten liegen. "Da kann es eine ganze Palette von Gründen geben", erläutert der Schulpsychologe. Angefangen vom Fehlbleiben im Unterricht bis zur Rechtschreibschwäche sei alles möglich. Besserung kann aber erst eintreten, wenn sich der Schüler darüber im Klaren ist, warum die Note so schlecht ist. "Das Problematische an den Zensuren ist ja, dass sie keine automatischen Erklärungen über die Schwächen der Schüler mitliefern", sagt Bohrer.
Der Schlüssel zum Umgang mit mangelhaften Zensuren sei deshalb das Gespräch mit den Lehrern. "Schüler sollten mutig sein und ihre Lehrer ruhig direkt fragen, wo sie sich verbessern können", rät Bohrer. Außerdem könnten Jugendliche oftmals mit Engagement Schwächen ausgleichen. Schlechte mündliche Leistungen würden oftmals daraus resultieren, dass sich Kinder nicht trauen, etwas zu sagen. Dagegen könne vielleicht ein Referat über Themen helfen, die so in den Schulbüchern nicht vorgesehen sind, die Schüler aber auch in ihrer Freizeit interessieren. "Wenn im Geschichtsunterricht beispielsweise das Mittelalter durchgenommen wird und jemand zu Hause eine alte Ritterburg gebastelt hat, könnte er seinen Mitschülern erklären, wie diese Burgen im Mittelalter aufgebaut waren", sagt Bohrer.
Im Allgemeinen glaubt der Psychologe, dass der Druck auf die Schüler zugenommen hat. In der heutigen Zeit seien Zensuren viel wichtiger als noch vor 30 Jahren. Schon Grundschulkinder müssten gute Noten haben, damit sie später für ein Gymnasium empfohlen werden. Später hätten Abiturienten den Druck, einen guten Abiturschnitt zu erreichen. "Das ist schade, denn unter Druck und negativem Stress lernt es sich wesentlich schwieriger", weiß der Schulpsychologe. Dennoch beruhigt er alle Schüler, deren Halbjahreszeugnis nicht so gut aussieht. "Jeder Schüler hat noch ein halbes Jahr lang Zeit, um seine Leistungen zu optimieren".
Quelle: Wiesbadener Kurier
