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Was wissen Lehrkräfte über ADHS?

Eine aktuelle Studie beschäftigt sich mit dieser Fragestellung und leitet daraus Schlussfolgerungen für die pädagogische Arbeit und schulische Elternberatung ab:

Ruhmland & Christiansen (2017). Konzepte zu Grundlagen von ADHS und Interventionen im Unterricht bei Grundschullehrkräften. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 64, 109-122.  

Die sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen sind laut DSM-5 („Diagnostisches statistisches Manual psychischer Störungen“) durch ein situationsübergreifendes Muster von Problemen der Aufmerksamkeit, Impulsivität und hyperaktiven Verhaltens gekennzeichnet. Betrachtet man die weltweiten Prävalenzschätzungen (Anteil der Menschen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an einer bestimmten Krankheit erkranken) zu diesem Störungsbild, die für Kinder und Jugendliche bei ca. 5% liegen, so ließe sich daraus ableiten, dass in jeder Grundschulklasse ein bis zwei Kinder unter den entsprechenden Symptomen leiden. Insofern gehört es zum beruflichen Alltag von Lehrerinnen und Lehrern, sich mit den betroffenen Kindern auseinanderzusetzen.

Mehr Wissen über Symptome als über Behandlungsmaßnahmen

Internationale Studien zum Wissen von Lehrkräften über ADHS haben gezeigt, dass Lehrkräfte über mehr Wissen zur Symptomatik, zu Verhaltensweisen und zur Diagnostik von ADHS verfügen, als zu den Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten. Oftmals wird auch überschätzt, wie häufig die Störung tatsächlich auftritt, und es wird fälschlicherweise angenommen, dass sich die Störung mit zunehmendem Alter auswächst. Wissenschaftliche Studien zeigen aber auch, dass sich die meisten LehrerInnen ihrer Wissenslücken zum Thema ADHS bewusst sind. Diese Wissenslücken sind jedoch vor allem deshalb kritisch zu bewerten, da LehrerInnen in der Regel die ersten AnsprechpartnerInnen von Eltern sind, die sich bezüglich des schulischen Verhaltens ihrer Kinder beraten lassen wollen. 

In der aktuellen Studie wurde das Wissen und die Überzeugungen von Grundschullehrkräften zu folgenden Bereichen untersucht:  

  1. Symptome und Verhaltensweisen von SchülerInnen mit ADHS
  2. Ursachen der ADHS
  3. Handlungsstrategien für das Unterrichten von Kindern mit ADHS  

Psychosoziale Bedingungen werden als Ursache überschätzt

In dieser Studie zeigte sich, dass die Lehrkräfte mit den Kernsymptomen der Unaufmerksamkeit (87%) und der Hyperaktivität (74,3%) gut vertraut waren. Das Kernsymptom der Impulsivität war mit 46,8% weniger gut bekannt. Hinsichtlich der Ursachen einer ADHS wird in theoretischen Modellen angenommen, dass es sich um ein komplexes Wechselspiel aus biologischen und psychosozialen Faktoren handeln muss. In der erwähnten Studie gab allerdings nur etwa die Hälfte (49%) der befragten Lehrkräfte an, dass eine ADHS durch ein Wechselspiel aus biologischen und umweltbedingten Faktoren verursacht wird. Die andere Hälfte (49%) der befragten Lehrkräfte sah ausschließlich ungünstige psychosoziale Bedingungen als ursächliche Faktoren einer ADHS an, während lediglich 2% davon ausgingen, dass ausschließlich biologische Faktoren als Ursache in Frage kommen.

Befunde bedeutsam für Elternberatung

Es wurde an dieser Stelle demnach ein erheblicher Aufklärungsbedarf bei vielen Lehrkräften deutlich, da einseitige Ursachenzuschreibungen auf psychosozialer Ebene tendenziell mit einer Verantwortungsübertragung gegenüber den Eltern einhergehen. Eine Aufklärung der Lehrkräfte könnte sich demnach auch positiv auf die Kommunikation mit den Eltern auswirken. Bezüglich möglicher Handlungsstrategien im Umgang mit betroffenen Kindern wurde deutlich, dass zwar 80,4% der befragten Lehrkräfte angaben, Kontakt zu den jeweiligen Eltern aufzunehmen, dass dieser Kontakt sich jedoch auf Gespräche (51%) und Rückmeldungen beschränke (35,4%), ohne dabei Bezug auf ein strukturiertes System der Zusammenarbeit zu nehmen.

Mehr Wissen verbessert die Wirksamkeit schulischer Maßnahmen

Die von 45,6% am häufigsten genannten Handlungsstrategien im Zusammenhang mit ADHS lassen sich unter dem Begriff Korrektive Strategien zusammenfassen, und beinhalten z.B. den Einsatz von Belohnungen und das Setzen negativer Konsequenzen. Insgesamt berichteten die Lehrkräfte jedoch von vielen Handlungsstrategien, die nicht den sinnvoll evaluierten Maßnahmen zugeordnet werden können. Bei genauerer Betrachtung der statistischen Daten fiel auf, dass jene Lehrkräfte, die sowohl biologische als auch psychosoziale Faktoren als mögliche Ursachen für eine ADHS genannt haben, durchschnittlich häufiger Maßnahmen anwendeten, die sich in der wissenschaftlichen Literatur als wirkungsvoll erwiesen haben (z.B. „Sitzplatz(gestaltung)“, „einführen körperlicher Aktivitäten“, „Verstärker-Systeme“ usw.).

Häufigkeit von ADHS wird überschätzt

Unter dem Strich lässt sich zusammenfassen, dass ADHS ein wichtiges und aktuelles Thema unter pädagogischen Fachkräften darstellt. Dies lässt sich nicht zuletzt auch daran erkennen, dass die befragten Lehrkräfte die Prävalenz der Störung an ihren Schulen mit 12% sehr hoch einschätzten. Hohe Prävalenzschätzungen der ADHS kommen vermutlich auch dadurch zustande, dass die mit dem Störungsbild assoziierten Symptome und Verhaltensweisen, wie Aggressivität, eine geringe Frustrationstoleranz und das Ablenken anderer Kinder, durchaus auch auf andere Ursachen als eine ADHS zurückgehen können.

Wunsch nach Fortbildung

Die Lehrkräfte selber äußern mehrheitlich (87%) den Wunsch nach mehr Kenntnissen in Bezug auf das Unterrichten von Kindern mit ADHS. Nur ein Viertel der befragten Lehrkräfte gab an, in ihrem Studium mit ADHS konfrontiert worden zu sein. Demnach war das Thema auch an den Hochschulen noch nicht flächendeckend etabliert, sodass sich hier ein wichtiger Bedarf für die systematische Aus- und Fortbildung von Lehrkräften herauskristallisiert hat.    

Zusammenfassung der Studie: Schulpsychologe Philipp Deing

Fortbildung der Regionalen Schulberatungsstelle zu ADHS für Lehrkräfte im Kreis Borken finden Sie hier.

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