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Migrationshintergrund & Schulnoten

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In einer aktuellen Studie wurde untersucht, welche Rolle der Migrationshintergrund von SchülerInnen für ihre Leistungsbewertung durch Lehrkräfte spielt:

Bonefeld, M., Dickhäuser, O., Janke, S., Praetorius, A.K. & Dresel, M. (2017). Migrationsbedingte Disparitäten in der Notenvergabe nach dem Übergang auf das Gymnasium. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie,49, 11-21

Die Autoren gingen der Frage nach, ob SchülerInnen mit Migrationshintergrund bei der Notenvergabe benachteiligt werden. Für ihre Längsschnittstudie wurden an 33 Gymnasien insgesamt 1487 SchülerInnen in der fünften und sechsten Klasse begleitet. Für diese SchülerInnen hat man die Mathematiknoten in Klassenarbeiten und Zeugnissen erfasst, und mit ihren Leistungen  Testverfahren zur tatsächlichen Mathematikleistung verglichen.

In den Ergebnissen zeigte sich, dass SchülerInnen mit Migrationshintergrund durchgängig schlechter benotet wurden, als SchülerInnen ohne Migrationshintergrund. Diese Unterschiede in der Benotung durch die Lehrkräfte zeigten sich unabhängig von der tatsächlichen Mathematikleistung der SchülerInnen in den standardisierten Testverfahren. Man kann diesen Ergebnissen zufolge also davon ausgehen, dass etwa gleichstarke SchülerInnen dann schlechter benotet werden, wenn sie einen Migrationshintergrund haben.

 Der Effekt des Migrationshintergrundes blieb selbst dann signifikant, wenn weitere Faktoren in den statistischen Modellen berücksichtigt wurden (Bildung der Eltern, Sprachgebrauch in der Familie). Es wurden zwar nur geringe Effektstärken im Bereich von 0,2 bis 0,3 Notenstufen gezeigt, diese können aber im Hinblick auf eine gefährdete Versetzung oder einen anstehenden Schulformwechsel von erheblicher Bedeutung sein.

Zur Erklärung der vorliegenden Ergebnisse ließen sich laut den Autoren kulturelle Vorurteile heranziehen. Entsprechende Forschungsergebnisse in Deutschland haben in der Vergangenheit bereits gezeigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund weniger stark mit Leistung und Erfolg in Verbindung gebracht werden.

Bei dem gefundenen Migrationseffekt scheint es sich um einen relativ robusten Effekt zu handeln. Dafür spricht die Tatsache, dass in der vorliegenden Studie lediglich SchülerInnen vom Gymnasium herangezogen wurden. Es handelte sich also um eine relativ homogene Stichprobe, die eher leistungsstark eingeschätzt wird und bei der die jeweiligen Lehrkräfte tendenziell weniger negative Leistungserwartungen haben sollten. Die Autoren der Studie vermuten, dass sich in ähnlichen Untersuchungen an Haupt- und Förderschulen noch deutlichere Effekte für den Migrationshintergrund zeigen könnten, da an diesen Schulformen ohnehin ein niedrigeres Leistungsniveau vorherrscht, sodass zusätzliche Informationen zum Migrationshintergrund noch eher zu einer Aktivierung negativer leistungsbezogener Stereotype führen könnte.

Die SchülerInnen in der vorliegenden Studie wurden über zwei Jahre hinweg begleitet, und es ist in dieser Zeit nicht zu einer Abschwächung des Migrationseffektes gekommen. Entgegen der Annahmen einiger anderer Forschungsgruppen kam es durch den längeren Kontakt zwischen den Lehrpersonen und den SchülerInnen also nicht zu einem Abbau der migrationsbedingten Unterschiede. Gerade mit Blick auf die vermehrte Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen ist es für ein faires Schulsystem von großer Bedeutung, migrationsbedingte Verzerrungen bei der Leistungsbewertung zu erkennen und ihnen entgegenzutreten.

Zusammenfassung der Studie: Schulpsychologe Philipp Deing

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