Gewalt an Schulen
Das Thema ist in den letzten Jahren sehr häufig Gegenstand einer öffentlichen Debatte gewesen. Traurige Höhepunkte sind Schülerattentate mit Todesfällen (Meißen, Erfurt).
Es ist sinnvoll zwischen subjektiver und objektiver Bedrohung zu unterscheiden: Umfragen haben gezeigt, dass das subjektive Gefühl des Bedrohtseins steigt, Eltern, Lehrer und Schüler sind häufig von der Zunahme störenden, aggressiven Verhaltens bis hin zur Gewaltbereitschaft und Mobbing in der Schule überzeugt. Dieser Eindruck läßt sich aber nicht immer mit "harten" Fakten belegen: Unfallstatistiken sogenannter "Raufunfälle" an Schulen zeigen keine dramatischen Anstiege, weder quantitativ nach qualitativ.
Was eher beunruhigt ist, dass Schüler (mit zunehmender Tendenz auch Schülerinnen) kaum Hemmungen haben, in der Öffentlichkeit aggressiv zu sein. Früher steckte man einem Lehrer allenfalls mal die Zunge raus, wenn der einem den Rücken zukehrte. Heute hört eine Lehrerin schon mal "blöde Kuh" oder Schlimmeres.
Und es sind Formen von Gewalt ins Blickfeld gekommen, die man bisher übersehen hat: viele Kinder und Jugendliche berichten von Mobbing, d. h. dass sie von anderen körperlich oder psychisch unter Druck gesetzt, ausgeschlossen oder drangsaliert werden. Bedrückend ist, dass ein großer Teil von ihnen weder von Lehrern noch von Eltern Hilfe bekommt.
Ursachen von Gewalt in Schulen:
Gewaltphänomene wie z. B. - Gewalttätigkeiten von Hooligans - zeigen eindrücklich, dass Gewalt in Schulen nur im Kontext der Gewaltbereitschaft unserer Gesellschaft insgesamt angemessen diskutiert werden kann. Dies bedeutet, dass Gewalt in Schule kein spezifisches Problem darstellt, sondern die Art und Weise wie die Menschen in unserer Gesellschaft miteinander umgehen widerspiegelt.
Es scheint, als sei ein höheres Maß der Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft der Preis für die in den letzten Jahrzehnten gewonnenen größeren Verhaltensfreiheiten. Während früher Elternhaus, Kirche und Schule weitgehend übereinstimmende Werthaltungen vertraten und einforderten, stehen wir heute vor dem Problem, dass wir zwar viele "traditionelle Wertvorstellungen" aufgelöst, aber statt dessen keine neuen entwickelt haben. Als Verursachung zunehmender Gewaltbereitschaft werden u. a. genannt:
- Zunehmende ökonomische Unsicherheiten, globaler Wettbewerb.
- Zunehmende "Abkühlung" sozialer Beziehungen, auch hier im ländlichen Raum.
- Ständige "Berieselung" mit gewalttätigen Vorbildern in den Medien.
- Auflösung traditioneller Familienstrukturen und Erziehungsvorstellungen.
Bei psychologischen Theorien im engeren Sinne werden diskutiert:
- Aggression als angeborener Trieb (z. B. "Charakter"),
- Aggression als Folge von Frustration (z. B. auf Grund von Lernproblemen),
- Aggression als gelerntes Verhalten (z. B. Medienkonsum).
Konkretes gewalttätiges Verhalten einzelner Schülerinnen und Schüler beruht in aller Regel auf mehreren dieser genannten Ursachen.
Mit ihrer hierarchischen Struktur, Abhängigkeitsverhältnissen, Notengebung, Versetzungs- und Ordnungsmaßnahmen ist die Schule selbst nicht "gewaltfrei", kann andererseits aber nicht monokausal für Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen verantwortlich gemacht werden. Irritierend ist aber die Tatsache, das es unter Schülerinnen und Schülern oft Sympathien für Schulattentäter gibt. Die Kommission, die das Attentat in Erfurt untersuchte schreibt dazu:
"Die Schule wird von Schülern älterer Jahrgänge nicht selten als entfremdetes System empfunden, in dem die Freude am Lernen keinerlei Rolle mehr spielt. Die Lehrer haben aufgrund der Ressourcen an Zeit und Personal nur wenig Möglichkeiten, auf dieses subjektive Empfinden adäquat zu reagieren. (...) Das aber auch einige Schüler auf das Massaker von Erfurt mit einer Art klammheimlicher Genugtuung reagiert haben (...), sollte nicht nur Anlass für eine - gerechtfertigte- moralische Empörung sein, sondern eine gemeinsame Anstrengung aller beteiligten Institutionen und Personen initiieren, die es ermöglichen, Konflikte im Gespräch zu thematisieren und einer Lösung zuzuführen. (...) Ein dem Gutenberg-Massaker vergleichbares Attentat hätte nach Überzeugung der Kommission beim Zusammentreffen der im Fall Robert Steinhäuser relevant gewordenen Umstände an jedem Gymnasium in jeder Stadt Deutschlands geschehen können. Wer das Gegenteil behauptet oder einen entsprechenden Eindruck zu erwecken versucht, der handelt in bezug auf flächendeckend latent vorhandene Gefährdungslagen geradezu fahrlässig und versperrt den Blick auf die bundesweit notwendigen Schlussfolgerungen."
Was kann man tun?
Viele Schulen sind auf dem richtigen Weg und investieren viel Zeit in soziales Lernen, das erheblich dazu beiträgt in Schulen gewaltfreier zusammen zu leben. Schulen denen dies gelingt, gestalten aktiv das "Schulklima" und sind in folgenden Punkten recht ähnlich:
- Sie haben deutliche Regeln, denen Schüler und Lehrer verpflichtet sind.
- Die Lernziele sind dem Leistungsvermögen der einzelnen Kinder / Jugendlichen angepasst.
- Innerhalb dieses festen Rahmens haben die Kinder / Jugendliche in hohes Maß an Selbstbestimmung Mitverantwortung.
- Solche Schulen setzen sich realistische Ziele: Eine "gewaltfreie Schule" gibt es für sie nicht, sondern sie arbeiten vorbeugend an der Verminderung gewaltbereiten Verhaltens.
- Diese Schulen wissen, dass sie dieses soziale Lernziel nicht alleine erreichen können (und auch nicht allein dafür verantwortlich sind) und öffnen sich für die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen (z. B. Jugendämter, Polizei, Beratungsstellen).
- Diese Schulen pflegen einen intensiven Austausch mit den Eltern ihrer Schüler gerade in Hinblick auf gemeinsame Festlegung von Regeln des Umgangs miteinander.
- Schüler, Eltern und Lehrer identifizieren sich mit "ihrer" Schule: Es gibt ein ausgeprägtes "Wir- Gefühl".
Welche Hilfen bietet die Regionale Schulberatungsstelle?
Die Schulpsychologin und die Schulpsychologen helfen zunächst bei konkreten Einzelfällen, Ursachen und Hilfsmöglichkeiten bei aggressivem oder gewalttätigem Schülerverhalten zu finden. Nicht selten verbirgt sich hinter aggressivem Schülerverhalten eben nicht eine Charakterschwäche oder fehlende Erziehung, sondern Lernprobleme bzw. schulische Überforderung.
Über die Arbeit mit einzelnen Schülerinnen und Schülern, deren Eltern und Lehrern hinaus hilft die Schulpsychologische Beratungsstelle Schulen durch Fortbildung und Unterstützung bei konkreten Projekten sich zu "Problemlöseschulen" zu entwickeln. Hier gehen die Schulen verschiedenartige Wege. Zu nennen sind beispielsweise sportpädagogische Projekte, aber auch die Einführung sogenannter Streit-Schlichter-Programme. Diese von Schulpsychologen entwickelten Programme fördern allgemein die Konfliktfähigkeit von Kindern und Jugendlichen bis hin zu der Fähigkeit, Streitigkeiten untereinander selbst regeln zu können. Ein eher indirektes Hilfsangebot der Regionalen Schulberatungsstelle sind Supervisionsangebote für Lehrerinnen und Lehrer die darauf abzielen, die schulische Arbeit zu reflektieren und nach Lösungsmöglichkeiten für Konfliktfälle zu suchen.
